Progressiv, superlativ: Emanzipation und Geschlechterrollen in Moran

Einige Betrachtungen über Männer, Frauen und Andere, arrangiert in netten kleinen Frage-Antwort-Abschnitten. Ich könnte einen mehrseitigen Aufsatz über fast jede Sektion verfassen, aber dann wären wir in drei Wochen noch hier.

Q: Wie unterscheiden sich Männer- und Frauenkleidung?
A: Der Unterschied ist kleiner, als er klingen mag. Bei dem Wort „Robe“ denkt man allgemein an Könige, Jedi und asiatische Gelehrte, während „Kleid“ mehr mit victorianischen ballgowns und 60er-Jahre-Hausfrauentracht zu tun hat. Tatsächlich ähneln sich morakische Roben und Kleider im Schnitt, der Farbwahl und Länge sehr. Bei beiden Geschlechtern wird eine schlanke Taille betont. Der Adel legt Wert darauf, bloße Oberarme zu zeigen, so es das Wetter erlaubt.
Morakische Mode ist im Gegensatz zur unseren primär nach Funktionalität, ergo nach Klasse, definiert.

mask.fem.
Untätig (Gesellschaftl. Anlässe, Feiern, Zeremonien)RobeKleid
Nicht arbeitstätig, aber aktiv (Kind unter 12, Adel im Alltag)KittelHemd und Rock
ArbeiterHemd und HosenHemd und Hosen

Als wir Jinu kennenlernen, trägt sie Arbeiterhosen, während Nesto Belial in seiner ersten Szene im Kittel erschreckt. Aus der Kleidung kann man viel über die soziale Position lernen: Natürlich trägt nicht nur Hosen, wer selbst in der Fabrik steht, sondern jeder, der sich als gewerkstätig versteht. Vom Graf wird beispielsweise ebenfalls „Arbeiter“-Mode erwartet (Untätigkeit ist beim Regenten unerwünscht), während Charline mit ihrem neuen blauen Kleid überdeutlich ihre Distanz von der restlichen Dienerschaft signalisiert.

Q: Was ist das morakische Verständnis von Geschlecht?
A: Zitat aus dem mrk. Gesetzbuch, Abschnitt Menschenrecht:
„Jedes Kind wird im zwölften Jahr nach Beurteilung seiner angeborenen Veranlagung, d.h. zeugend oder empfangend, entsprechend als Mann oder Frau gekennzeichnet und ist ab diesem Tag den entsprechenden Gesetzen oder Verboten unterworfen. Es ist die Ansicht des Staats, dass jeder Mensch mit dem unwiderruflichen Recht auf individuelle Freiheit geboren wird und in Bezug auf die eigene Person im Rahmen des Gesetzes absolute Freiheit genießt. Es ist die Verpflichtung jedes Individuums, dem Staat jede Änderung seiner Person unversehends mitzuteilen, inklusive, aber nicht ausschließlich, der Namensänderung, Heirat oder Scheidung, Ergänzung oder Veränderung der identifizierenden Tätowierung […].“
Da das Geschlecht in der Tätowierung verzeichnet ist, bedeutet der letzte Satz übersetzt, dass man gegen eine solide Bearbeitungsgebühr auf dem Amt mit einer Nadel und etwas Tinte sein legales Geschlecht (m/f) ändern lassen kann. Da das mrk. Gesetz Menschen zwar vorab nach ihren Genitalien einteilt, sich jedoch keine Autorität über ihre Person gibt, hat sich in Moran ein etwas anderes Verständnis von Geschlechtsidentität entwickelt. Die Feinheiten unterscheiden sich von Region zu Region, allgemein bekannt sind aber vier Arten, sich zu bezeichnen: Mann (goar), Frau (seha), Dazwischen (lawesz) und Weder-noch (nastajem). Der Übergang ist ohnehin oft eher fließend: Morai hat keine geschlechtsspezifischen Pronomen, fast alle Kurznamen und Kosenamen sind unisex, das Patronym kann frei gewählt und verändert werden, und der Nachname ist neutral (nicht wie in vielen slawischen Sprachen z.B. Gawrilow/Gawrilowa). Zugehörigkeit zu einem Geschlecht wird durch andere Indikatoren erklärt. Es gibt beispielsweise klare Unterschiede zwischen Schmuck und Haar für goar, seha und nastajem, und lawesz weist sich durch eine Mischung von goar– und seha-Elementen aus. Hierzu aber an anderer Stelle mehr!
Lawesz bedeutet übrigens auch räumlich „dazwischen“, ähnlich wie das mrk. Wort für schwul sich als „andersherum“ übersetzt. Es gibt kein Wort für trans: Wer sagt, er ist ein Mann, ist dann eben ein Mann.

Q: Meine Mutti sagt, das ist unrealistisch.
A: Oh, keine Sorge, ich habe das im Text bewusst an einem anderen Beispiel schon erklärt. Lies‘ doch noch mal die Stelle, an der Sasatin die Kawrateska infiltriert. Alles, was sich wie ein Hund verhält, ist in Moran ein Hund…

Q: Warum ist es kriminell, eine Lesbe zu sein?
A: Graf Amalranth (hier schweres Seufzen einfügen). Drei Grafen in Folge waren für Kontrollzwang, Brutalität und Unnachgiebigkeit bekannt: Amarok (u.a. Begründer der Hexenjagd), Amalranth (mrk. ethnische Säuberungen, „falsche Frauen“, Gesetze gegen Fahrende und Heimatlose), und Uskoniew (Pläne zur absoluten ethnischen Säuberung von Süd-Khjerawe). Tito, dem die genozidale Ader vollkommen fehlt, war als Sohn eine richtige Enttäuschung. Amalranth führte brachiale Strafen für Frauen ein, die „sich der Geburtentradition entzogen“ (leises Würgen), und begründete das durch Patriotismus. Khjerawische Kinder werden mit größerer Häufigkeit und nach kürzerer Schwangerschaft geboren, und die panikschürende Behauptung, Khjerawar würden Morakar in naher Zukunft verdrängen und ersetzen, wurde aus Amalranths Mund verbreitet und allgemein akzeptiert. Sein Sohn Uskoniew, deutlich pragmatischer veranlagt, schwächte die Strafe ab. Verstümmelte Frauen konnten schließlich nicht mehr arbeiten und Steuern zahlen. Allerdings führte er in enger Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst das diabolische Prinzip der Mitwisserschaft ein. Eine „falsche Frau“ zu kennen und nicht zu melden, wurde viel schwerer bestraft, als eine „falsche Frau“ zu sein. Uskoniew war ein absoluter Meister der Manipulation und nutzte Denunziation als Werkzeug, mit dem sich das Volk nicht nur beherrschen, sondern präzise kontrollieren ließ. Es gibt mehrere moderne Bewegungen, die die Aufhebung dieser Paragraphen fordert; z.B. die republikische Vereinigung und die Rawy-Solska.

Q: Warum sind fast alle Fürsten Männer?
A: Weil Uskoniew ein zutiefst gestörtes Frauenbild hatte. Historisch gesehen ist das sehr ungewöhnlich. Tito hat nur zwei Fürsten ernannt, einer davon ist Selise var Harlenbrig.

Q: Gibt es Einschränkungen für Frauen?
A: Außer der Diskriminierung gegen wlw-Beziehungen, nein. In der Kindererziehung arbeiten meist beide Elternteile mit, bzw. das gesündere Elternteil geht in die Fabrik/auf das Feld und das ältere oder schwächere bleibt mit den Kleinkindern zu Hause. Frauen sind für gewöhnlich in jeder Sparte der Gesellschaft gleichwertig vertreten. Adlige Frauen können außerdem erben. Varon ist ein geschlechtsneutraler Titel. Gladis steht in der Thronfolge hinten an, weil Tito selbst Kinder hat; Arven wäre jedoch auch Kronprinz und Thronfolger, wenn er keinen Penis hätte. Frauen sind nicht zum Militärdienst verpflichtet.

Q: Wie steht Moran im globalen Durchschnitt?
A: Kurzum: Besser wird es nicht. Ich verwende an dieser Stelle bewusst nicht das Wort „fortschrittlich“, weil dieser Fortschritt sich in Moran vor über tausend Jahren vollzogen hat und sehr tief in der Volksseele verankert ist. Die später eroberten Länder (Swarstaria, Dijawora, Ksuandra) wurden bei der Übernahme natürlich dem morakischen Recht unterworfen. Die Republik Diavora war ohnehin ein menschenfreundlicher Ort, die Ksuandra hat sich ebenfalls an den Landesstandard angepasst. Nur Swarsta-Dorn und Swarsta-Ijet, deren ursprüngliche Kultur viel weniger auf Klassenunterschied und stärker auf Geschlechterrollen fixiert war, machen mitunter Probleme. Die Freiheit, über sich selbst zu bestimmen, wird in vielen Kreisen noch immer als fremdes, invasives Konzept betrachtet.
Khjerawe lässt sich nicht über einen Kamm scheren. Vor der Kolonialisierung hatte ungefähr jeder Stamm eine andere Vorstellung von Identität und Sexualität, häufig in Verbindung mit der Gottheit, die sie am meisten verehrten. Knapp tausend Jahre später ist davon leider nicht mehr viel zu erkennen. Ähnliches gilt für die Hundert-Flüsse-Insel.
Sewona schließlich ist eine erzkonservative und zutiefst religiöse Gesellschaft. Unter Sitra und Ravat gibt es nur Heterosexualität und angeborenes Geschlecht. Sewona verachtet Moran dafür, sich von der organisierten Religion getrennt zu haben, und es gibt sehr wenige moderate Stimmen in der Regierung. Man muss allerdings erwähnen, dass der Staat Sewona ebenfalls eine große ethnische Gruppe verschlungen und ihr Land erobert hat: Die Imringr-Clans, die entlang der Kalten Küste siedeln. Die Imringr unterscheiden sich kulturell stark vom Rest des Landes und fordern noch heute Unabhängigkeit. Lelia Tavsdyr, Sprecherin des maurischen IBG, stammt beispielsweise aus einem solchen Clan.

Q: Wie steht’s ansonsten mit Sexualität?
A: Moran (aner)kennt die folgenden vier Orientierungen:
– Geradeaus (heterosexuell)
– Andersherum (homosexuell)
– Beidseitig (bisexuell)
– Desinteressiert (asexuell)
Bei den Bezeichnungen gibt es regionale Unterschiede. Menschen können einander nach Belieben monogam heiraten (vor Amalranth uneingeschränkt, heute alle bis auf lesbische Paare. Es tut mir leid, Freunde, ihr müsst auf den Sturz der Reminar oder Arvens Reformen warten ;-;). Schwule Paare können adoptieren oder die leiblichen Kinder des einen Partners als Kinder beider eintragen lassen.

Q: Und was ist „normal“?
A: Morakische Normalität ist, keine besondere sexuelle Präferenz zu haben. Homo- und Heterosexualität werden ebenso fraglos akzeptiert. Asexualität ist ungewöhnlich, wird im Großteil der Fälle aber achselzuckend hingenommen. In Familien, in denen etwas vererbt wird (Titel, Vermögen, Wissen), wird oft Wert auf Blutsverwandtschaft gelegt, d.h. ein schwuler Sohn darf zwar seinen Freund heiraten, muss der Ehe aber aus irgendeiner Quelle ein leibliches Kind beisteuern. Gladis, die Nesto in eine heterosexuelle Ehe mit seiner eigenen Cousine zu zwingen versucht (was für uns zunächst vertraut mittelalterlich klingt), hat nach morakischem Verständnis absolut einen Schuss weg.
Monogamie ist die Norm, und jeder Mensch kann nur einen weiteren heiraten. Polygamie und offene Beziehungen sind verbreitet genug, um nicht skandalös zu sein, besonders in urbanen Zentren.
Was Geschlechtsidentität angeht, sind Mann und Frau (ob cis oder trans) bei weitem am häufigsten vertreten. Es gibt vor allem in den Städten auch eine stattliche Anzahl von Menschen, die sich lawesz (dazwischen) verorten. Nastajemar, die sich auf der binären Skala überhaupt nicht einordnen können, sind seltener und werden nicht immer respektiert, besonders in ländlichen Kreisen.

Q: Wie sieht ein morakisches Coming Out aus?
A: Coming Out ist nur generell nötig, wenn man sich von einer allgemeinen Norm distanziert. Daher ist es beim Thema Sexualität für Männer eher selten – ein „Ne, ich mag Frauen nicht“ ist etwa auf der gleichen Ebene wie „Ne, ich trage nicht gern rot“. Höchstens Asexualität ist eine Erklärung wert, vor allem, wenn Oma unbedingt Enkel haben wollte.
Homosexuelle Frauen verschweigen dies meistens eisern: Sie haben nicht nur die gesellschaftlichen und rechtlichen Konsequenzen zu fürchten, sondern auch Uskoniews Mitwisserschaftsgesetz. Wer will schon seine Familie zu Kriminellen machen? Innerhalb kronenfeindlicher Bewegungen gibt es viele offene Lesben („Was soll’s, sie richten uns sowieso hin.“). Auch Transfrauen sind von diesem Gesetz zwar nicht anvisiert, jedoch stark betroffen: Wenn sich ihre Partnerinnen nicht sofort von ihnen trennen, machen sich beide als „falsche Frauen“ schuldig.

Q: Warum lassen sich homosexuelle Frauen nicht als Mann registrieren?
A: Die Umschreibung jeglicher Personendaten wird von einem Wahrheitsseher wie Alchor bestätigt. Dazu zählt auch die Änderung des Geschlechts. Das soll primär Wehrdienstverweigerer abschrecken.

Q: Wie bezieht sich das auf die Charaktere, die man schon kennt?
A: Eine Vielzahl schillernder, leichtsinniger, wütender Gestalten spuken über meine Seiten. Bei manchen würde es der Geschichte vorgreifen, ihre Identität zu diskutieren, deshalb folgt hier keine Auflistung. Außerdem, was geht es uns an? Aber ja, Mau ist voller Leute, die wir in die LGBT+-Ecke einsortieren würden. Aus morakischer Sicht besteht zwischen Jinu (straight) und Nesto (schwul) natürlich wenig Unterschied. Schließlich beschränken beide ihre Auswahl, wenn auch auf unterschiedliche Weise…

Das schwammige Konzept der Orthographie

Wir schreiben das Jahr 1071 der sechsten Epoche. Eintausend Jahren Gleichschaltung zum Trotz können sich die Morakar nicht darauf einigen, wie man Pferd schreibt.

Es gibt zahlreiche Fantasy-Bücher, in denen sich der Autor als Übersetzer eines Originaltextes zu erkennen gibt (Walter Moers‘ legendäre Fußnoten möchte ich an dieser Stelle hervorheben). Ich würde so weit nicht gehen, vor allem aus dem banalen Grund, dass die Gedankenströme, die mir aus den Köpfen dieser Gossenkinder in den Kopf fließen, nicht wirklich auf Standard-Morai sind. Es spaziert kein Hildegunst über meine Seiten, der mit sorgfältiger Hand und perfekter Grammatik einen kohärenten Tatsachenbericht verfasst. Nein, etwas Distanz zu der Originalsprache kann nur gut tun.

Allerdings bleibt mir nicht erspart, mich mit dem Thema der morakischen Rechtschreibung auseinanderzusetzen. Darüber will ich auch nicht klagen (schön, zumindest nicht ausgiebig) – Sprache ist mein Steckenpferd. Dadurch juckt es mir aber zu oft in den Fingern, selbst überall erklärende Fußnoten anzubringen. Der folgende sehr laienhafte, ungeordnete Text soll in der Hinsicht etwas Erleichterung verschaffen.

Ji/enewra

Eine erste Konfrontation mit dem morakischen Alphabet machen wir beim Namen der Narekranska. Jenewras Vorname wird meistens wahlweise als Djin oder Jinu abgekürzt. Das morakische Alphabet unterscheidet nicht strikt zwischen Konsonanten und Vokalen, sondern ist in Gruppen oder Paaren arrangiert, innerhalb derer die Unterschiede fließend sind. Man besehe die Szene, in der Alois und Arven an einer Zeichensprache arbeiten.

Nachdenklich male ich mit einem Finger die Schleife vom e nach. „Zum Beispiel dz, dj, j. Wenn die alle aus einer Richtung kommen“, ich führe die Hand von der Brust weg, „Und dann die Finger die Töne bilden, das macht Sinn, denke ich, so viele Töne gibt es nicht, das kriegt man mit ein paar Fingern hin. […]“

Arven v. R., ein sehr selbstbewusster mensch

Das morakische Alphabet besteht aus 33 Buchstaben, die in zehn Gruppen angeordnet sind. Wenn mehrere Schreibweisen (Ks/X) angegeben sind, sind dies regionale Unterschiede, die auf leichte Abwandlung des gleichen Buchstabens beschränkt sind. Das einfache H wird ausgelassen, da es als Zeichen geschrieben wird und nicht als Buchstabe gilt.

[ Hj – Ye – Nh – Ia ], [ E – I – Y ], [ A – O: ], [ O – U – Y ], [ Ks/X – Ts – Z – S ], [ Sch/Sz – Sk ], [ Dz – Dj – J ], [ Ch – K/C – T – D – G ], [ R – L – N ], [ F – P – B – W/V ]

Diese Buchstabengruppen wiederum sind einander näher oder ferner. Beispiel: I und E sind in einer Gruppe. E ist wiederum nahe an Ye, welches aber in einer anderen Gruppe ist. Ja, das ist alles ein großer Spaß. Wollte ich Morai lautgemäß aufschreiben, bräuchte ich Buchstaben aus dem Russischen, Polnischen und Hebräischen. Unser beschränktes Alphabet wird von mir einfach mit „dz, ks, dj“ verprügelt, bis es sich fügt. Man sieht in der obenstehenden Liste auch Wiederholungen. Das Y in „Yehena-Sarit“ ist in morakischer Rohschrift ein Ye und wird wie das deutsche J ausgesprochen. Das Y am Ende von „Petrowny“ ist dem unbetonten E in „Zitrone“ nahe. Ein slawisch angehauchtes Schwa. Das letzte Y ist schließlich eng mit dem U verwandt – die Mehrzahl von „Rewanu“ (kleiner Wolf) ist „Rewanyr“. Dieses Y ähnelt einem deutschen Ü.

Wir wirken sich die Buchstabengruppen auf die morakische Sprache aus?
Extrem vereinfacht zusammengefasst: Benachbarte Buchstaben sind auf Morai fast immer auswechselbar. (Diese linguistic property habe ich mir nicht ausgedacht. Im Deutschen sind zum Beispiel p und f verwandt, was dazu führt, dass man im Niederdeutschen Appel und im Hochdeutschen Apfel sagt.* Es verstehen sich aber trotzdem alle. Außerdem entschuldige ich mich für die verstreuten englischen Begriffe – ich habe den Saft zwei Semester lang auf Englisch studiert).

Jinu, Jenu – kein Unterschied auf Morai. Selbst bei offiziellen Urkunden würde niemand mit der Wimper zucken, wenn dort Jinewra stünde. Oder Djin vs. Jinu: Dj und J sind auf Morai zwei klar verschiedene Buchstaben, doch einander nahe verwandt und somit austauschbar. Hjartan hingegen, dessen Name mit dem Kehllaut „Hj“ beginnt, ist von diesen Lauten weit entfernt und würde niemals Dzaro genannt werden. Fun Fact: Die seweranische Form seines Namens, Yarden, lässt noch die Verwandtschaft zwischen Hj und Ye erkennen.

Oder nehmen wir uns die Gruppe [ Hj – Ye – Nh – Ia ] vor. Wir treffen in Nel War flüchtig eine Annha. Wäre sie in Mau geboren worden, hieße sie Anhja, die ruschkanische Variante lautet Anya, Südwesten und Dijawora tendieren zu Ania. Diese Variationen werden unterschiedlich ausgesprochen und sind für das morakische Ohr leicht zu unterscheiden. Natürlich beschränkt sich diese Eigenheit nicht auf Namen, doch im Kontext der Geschichte erscheinen die am häufigsten. Ich kann gar nicht abwarten, meinem Editor zu erklären, dass die folgenden Sätze mit Absicht so aussehen:
– Nach einigen Stunden platzte dem Vertreter der Ruschkana der Kragen […]
– Es gibt keine Maidrem mehr und keine Roszka-Imringar […]
– […] wäre Nesto nicht ständig in der Nähe, würde ich wohl deutlich lauter über das Roschka-Pack fluchen.
– „[…] ich habe gestern mit dem Kerl von der Roskem Warna geredet.“
Falls es beim Lesen nicht klar wurde, ja, das sind alles anerkannte morakische Varianten des „ruschk-“ Wortstamms. In Mau ist der Standard „Ruschkana“, und Arvens abfälliger Gedanke über das Roschka-Volk lässt erkennen, dass die Transformation vom U zum O hier im vulgären Kontext geschieht. Das liegt u. a. daran, dass der Name der ansässigen ethnischen Gruppe, die vom Gottkönig unterworfen wurde, Roszka bzw Roska lautete und man dem besiegten Feind keinen Respekt entgegenbrachte.

Morakische Vornamen

In Mau treffen wir auf Personen und Einflüsse aus aller Welt. Bei einem Querschnitt durch die traditionell morakischen Namen kommen folgende Erkenntnisse:

  1. Fast alle Namen, die auf -a enden, sind unisex. Dazu zählen Jatka, Setka, Marika, Diska, Ilena, Ilga, Aura.
  2. Namen, die auf -al oder -ial enden, sind unisex (und stammen meistens aus der Efdarenja oder Mark Wonschau). Dazu zählen Belial, Jatal, Michal.
  3. Namen, die auf -in enden, sind maskulin und können durch ein angehängtes -e zur femininen Version gemacht werden. Dazu zählen Sasatin, Antonin, Evskalin, Soline, Sandrine, Charline.
  4. Namen, die auf -is oder -ise enden, sind feminin. Dazu zählen Gladis, Maldis, Kadis, Selise.
  5. Männernamen, die auf -aw, -ow, oder -iew enden, sind umfunktionierte morakische Nomen und nicht mehr modern. Dazu zählen Aschraw, Uskoniew, Sekolow.
  6. Kosenamen sind unisex und können auf -ko, -nu, -iem enden. Dazu zählen Suschko, Deschko, Jadiem, Jinu.
  7. Kurznamen sind fast immer unisex. Dazu zählen Gena, Ghjera, Maro, Mina, Katt, Eva.
  8. Namen, die auf -i, -ai oder -ei enden, sind Leihnamen aus Khjerawe. Beispiel: Merei.
  9. Namen, die -th enthalten, sind Leihnamen aus Sewona oder ohne Veränderung aus dem Alt-Morai übernommen. Beispiel: Amalranth, Karath.
  10. Der Großteil der gendered names sind maskulin. Keine Frau wird Derrik genannt, aber es gibt eine Menge männlicher Newas.
Macht das Spaß?

Ehrlich gesagt, ja. Mau ist eine unglaublich bunte Kulisse, die linguistisch und worldbuilding-mäßig viel zu bieten hat. Ich frage mich beim Lesen anderer Bücher oft, wie in aller Welt es jeden Namen nur einmal gibt. Man will mir erzählen, dass wir in 8 Bänden Game of Thrones nur einen Jon treffen? Einen einzigen? Leute, ich kenne vier Victorias, drei Jans und fünf An(n)ikas. Dass der Starjournalist der Sprochanie Mau und der Patron der Huskara – zwei Männer aus einer Generation, einer Gegend und der gleichen sozialen Schicht – einen Vornamen teilen, erscheint mir ziemlich natürlich.

Anton Sokolov ist nicht beeindruckt. (Quelle: Dishonored Wiki)

Ich habe diesen Artikel gestern Nacht gegen ein Uhr begonnen. Seit zwei Tagen bin ich wieder arbeitslos (unverschuldet, falls es jemanden interessiert), und der Fokus auf die immerwährende Konstante in meinem Leben fühlt sich gerade ungemein gut an.

Individualismus und Legalität

Fallbeispiel Revca. Ich habe mich wirklich darauf gefreut, ihre Szene mit dem Stadtrat zu schreiben, weil der Kontrast zwischen ihrer selbstgewählten Persona und tatsächlichen Abstammung so groß ist. Vergleichen wir also, was ihre jeweiligen Namen dem morakischen Zuhörer mitteilen.

„Name“, sagt die Justizsekretärin.
„Revca Kruwosenna.“
Alchor erhebt die Stimme. „Den vollen bürgerlichen Namen.“
Die Muskeln um ihren Mund spannen sich an. Revca antwortet lauter und mit einem leicht herausfordernden Unterton. „Hrawka-Ilena Henriksenna Matyjek nas ben Brutus.“

Morakische Namen funktionieren nach dem Konzept [Vorname(n)] – [Patronym] – [Nachname] – [Titel]. Wenige Charaktere besitzen alle vier.
Morakische Kinder haben einen Vornamen, manchmal zwei. Die können durch einen Bindestrich verbunden sein (Hrawka-Ilena) oder nacheinander stehen (Arven Sekolow).
Das Patronym -senna (Tochter) oder -gond (Sohn) ist selbstgewählt und hat kein legales Gewicht. Revca kann sich frei als Henriks Tochter bezeichnen oder seinen Kunstnamen Kruwo verwenden. Sie könnte ebensogut eine Mutter oder Mutterfigur anführen. Würde sie sich als Mann sehen, könnte sie Henrikgond benutzen.
Der Nachname zeigt, dass die Person das Bürgerrecht besitzt. Wer ohne Nachnamen geboren wird und das ändern will, muss sich für teures Geld einen kaufen. Revcas Nachname ist Matyjek. Sie hat ihn von Kruwo bekommen, als er sie aufnahm. Da sie nicht sein leibliches oder legal adoptiertes Kind ist, musste er dafür die volle Einbürgerungsgebühr zahlen.
Der Adelstitel steht ganz zuletzt und wird durch „var“ oder „nas ben“ (Bastardkind) mit dem Rest des Namens verbunden. Rechtlich gesehen (z.B. bezüglich der Reisefreiheit) gelten „Halbadlige“ als adlig. Ihr verkappter Titel wirkt sich lediglich auf das Erbrecht aus.
Andere Beispiele:
Jatka Dennokgond var Eval hat keinen Nachnamen, weil seine Familie so verdammt alt ist, dass ihr Titel vor der offiziellen Einführung von Nachnamen verliehen wurde.
Hjartan Helmgond hat keinen Nachnamen und keinen Titel. Da er sein Patronym selbst bestimmen oder wechseln kann, würde er sich vor Gericht durch seine Tätowierung ausweisen.
Alois Pellbeck hat einen Nachnamen, verwendet aber kein Patronym, weil er offen aus Belabesch stammt und ein Waisenkind ist.
Manche Menschen verwenden im Alltag außerdem fast ausschließlich ihren Vornamen (z.B. Belial), nutzen einen Kunstnamen (z.B. Kruwo, Octopus) oder werden mit einer Verkürzung ihres Adelstitels angesprochen, als handle es sich um einen Nachnamen (z.B. Karol var Lesschek). Da jeder Morak durch seine Tätowierung ausgewiesen ist, besteht bei der Selbstidentifizierung relative Freiheit.

Was ist mit Revcas Vornamen? Ihre Mutter hat das Mädchen gleich nach der Geburt als Hrawka-Ilena eintragen lassen, vermutlich, um bei Derrik Pluspunkte zu sammeln. Revca ist nach gleich zwei Brutusar benannt – Derriks Großmutter und verstorbener Schwester. Hrawka ist als Frauenname sehr unmodern (etwa auf dem Niveau von Agatha und Mildred), und die gezwungene Verbindung zu Derrik sorgt bei Revca ebenfalls nicht für gute Laune. Sie hat sich des oben beschriebenen Konzepts bedient, um ihren Namen so weit wie möglich zu entfremden.
[ Hr -> R ] Da das H an dieser Stelle keine zwei Silben voneinander trennt, kann man es problemlos fallenlassen.
[ A – > E ] Weniger einfach. A und E sind einander nicht nahe, jedoch über drei Ecken verbunden. (Rewa – Rywa – Rouwa – Rowa – Rawa). Wenn man die Augen zusammenkneift, geht es durch.
[ W -> V, K -> C ] Kein Problem, die sind fast das gleiche.
Sich als Hrawka „Revca“ zu nennen, ist ungefähr so, wie wenn eine Yasemin sich „Jessie“ tauft. Der Zusammenhang ist für Außenstehendeauf den ersten Blick eher dünn, aber fast jeder wird den Gedankengang dahinter verstehen.

Sprachliche Entfremdung

Während fast alle Morakar die gleiche Sprache (Neu-Morai) sprechen, ist der tatsächliche Wortlaut und Klang je nach Region sehr unterschiedlich. Manchmal ist es nicht ganz einfach, einander zu verstehen. Der deutsche Sprachraum hat inzwischen leider viel von seiner Vielfalt verloren, aber sinnbildlich kann man sich die Landratssitzung so vorstellen, dass da Plattdeutsch, richtig tiefes Bayrisch, Kölsch, Insel-Norddeutsch und Schwizerdytsch durcheinanderfliegen. Der Justizsekretär bemüht sich, ein etwas künstlich klingendes Hochdeutsch zu sprechen, und die Reminar haben allesamt breite Berliner Schnauze.

Schönes Beispiel ist dafür Belabesch. Die Institution ist so alt, dass ihr Name sich über die Jahrhunderte zusammen mit der lokalen Sprache wandelte. Ursprungswort war das alt-morakische Byelberesz (bzw. Bielberesch auf Neu-Morai). Für gewöhnlich folgen solche Unterschiede nicht strikt den Prowidenzgrenzen (bzw. sprachliche Tendenzen erstrecken sich über diese Grenzen hinaus).

Hässliche Tabelle, schöner Inhalt.

Irgendeines schönen Tages mache ich hier draus mal eine nette Landkarte, aber dieser Tag ist nicht heute. Es gibt natürlich so viele Akzente, Dialekte und Sonderbarkeiten, wie es Regionen gibt. Moran ist ungefähr so groß wie US-Amerika. Wir wollen uns mal auf das Gröbste beschränken, ja? Danke. Hier einige weitere Fun Facts. Ich finde sie jedenfalls sehr fun. Wer treu bis hierher gelesen hat, tut’s vermutlich auch. Man könnte stattdessen auch etwas Produktives unternehmen, wie die Blumen zu gießen oder ein bisschen zu wichsen. Ich schweife ab.

  1. Der „Sestra-Akzent“, den u.a. Hjartan hat, hat nicht nur khjerawische Einflüsse. Er stammt überwiegend von den vielen efdarischen Wanderarbeitern, die im Bruch Arek und der Huskara leben. Das Resultat wird vom maurischen Zuhörer unbewusst als ärmlich (provinziell), jedoch nicht als ungebildet registriert.
  2. Revcas üblicher Ton ist von der maurischen Fabrikarbeiterklasse nicht zu unterscheiden. Sie hat diese Sprechweise nicht von ihrer Familie, sondern aus der Urt-Awra übernommen. Auf die Narekran wirkt das instinktiv vertrauenswürdig. Sie kann sich dank ihrer Erziehung mühelos in den maurischen Adel einfügen, macht sich aber selten die Mühe.
  3. Arven und Nesto haben einen harten maurischen Akzent, der von den anderen Einflüssen der Oberstadt praktisch unberührt geblieben ist. Die Reminar sind eine erzmaurische Familie und legen Wert darauf, dies vor dem Land zu repräsentieren.
  4. Belial entstammt einer sehr armen Gegend der Efdarenja und spricht auch so, was einer der Hauptgründe für den Skandal war, als er zum Hofdichter ernannt wurde.
  5. Die khjerawischen Sprachen, die in der Sestra vorherrschen (Rakda, Baleara, Aar Yel), stammen zwar aus benachbarten Territorien, sind aber nicht miteinander verwandt. Sie haben bis auf eine Handvoll geteilter Leihwörter wenig gemein und sind nicht gegenseitig verständlich.
  6. Wer angibt, Khjerai zu sprechen, meint damit Rakda.
  7. Revcas wilde Mischung der erwähnten drei Sprachen war nicht nur unverständlich für alle Außenstehenden, sondern wirklich beeindruckend. Man halte bitte nach einem traumatischen Todeskampf eine spontane Tirade auf Spanisch, Türkisch und Serbisch.
  8. Morakische Kurzschrift (die Grundlage des Sekretär- und Protokollantenberufs) basiert auf der maurischen Aussprache und Orthographie und ist damit umso schwerer zu erlernen, je weiter entfernt von der Stadt man aufwächst.
  9. Vortex hat große Schwierigkeiten mit Morai, weil seine Muttersprache mit keiner kontinentalen Sprache verwand ist. Er könnte vermutlich das Schriftsystem der Hundert-Flüsse-Insel entziffern, ist damit aber noch nie in Berührung gekommen.
  10. Die Ksuandrem, eine verdrängte ethnische Gruppe aus der ehemaligen Republik Xuandra, sind der Gleichschaltung mangels fester Wohnorte seit Jahrhunderten größtenteils entgangen. Daher hört man ihnen häufig einen deutlichen Unterschied an. Ihre ursprüngliche Muttersprache, Hyri, ist vollständig ausgestorben.
False Friends

Einen kleinen Absatz möchte ich noch der augenscheinlichen Vertrautheit widmen, die viele Namen beim Leser hervorrufen werfen. Ich spiele gern mit diesem Faktor. Vertraut klingende Namen sind eine Brücke in eine fremdartige Welt, die den Einstieg unbewusst einfacher macht. Ich kenne keinen Pellbeck, aber ich könnte mit einem zur Schule gegangen sein. Pjotr, Alyce, Tito – man hat die Namen schon gehört, bevor man sie liest. Die gesunde Mischung aus Bekannt und Abstrakt macht’s. Mal braucht es mehr, mal weniger. Nennen wir es das Wit talks to Raboniel The Fused, Lady Of Wishes Prinzip.
Trotz all der heimeligen Zentral-Ost-Europäischheit (ist das ein Wort?), lasst uns nicht vergessen, dass wir uns letztlich auf Tewranhje befinden. Das beste Beispiel dafür ist Mitz Maron. Seine Frau klärt den Leser darüber auf, dass sein Vorname Michal lautet. Augenblicklich wird Vertrautheit erzeugt. Es gibt zu viele Michaels auf der Welt! Michel mit der Suppenschüssel, Michal und Merten aus Krabat… jeder kennt’s. Allerdings trügt der Schein in diesem Fall. Wie oben erwähnt, ist Michal ein geschlechtsneutraler Name aus Zentralmoran, der in einem Atemzug mit Vyradal, Rechal und Belial plötzlich gar nicht mehr so vertraut klingt. Fun Fact: Die Wurzel des Namens (alt-mrk. myrcha) bedeutet Fluss.

Mann. Ich liebe Sprache. Hab‘ ich das schon mal erwähnt? Gott, ist das alles schön.

* Ich entschuldige mich bei allen tatsächlichen Linguisten. Ich habe eine Menge Konzepte im Kopf, für die mir die Fachwörter abhanden gekommen sind. F und P werden an ähnlichen Stellen im Mund geformt, nur die… plosiveness ändert sich? Konzepte. Ein Gefühl für die Sache, sagen wir’s so. Ich hoffe, euer Aneurysma war kurz und schmerzlos.

Gestern, die Augen

Jede Geschichte, die jahrzehntelang reift, unterzieht sich währenddessen teils drastischer Veränderungen. Im Nachhinein ist es einfach, zurückzusehen und milde zu lächeln. Wie einfach alles war, schwarz und weiß, gut und böse. Doch manchmal ist es viel sonderbarer, nach Jahren zurückzukehren und zu merken, wie viele der längst vergessenen und verworfenen Bausteine sich doch durchgesetzt haben, unbemerkt wie das Wurzelwerk eines großen Baums. Der Klang eines Namens, der Farbe eines Gesprächs, der Geschmack einer Sommernacht in Mau.

Ich bin mit den Narekran aufgewachsen.

Mit zwölf begann ich an Jatkas Geschichte zu schreiben – denn das war sie fundamental immer. Jatka var Eval, der seine Schwester Jinu sucht, war der Keimling und Kern von allem. Ich müsste in alten USB-Sticks graben, um sicher zu sein, doch meiner Erinnerung habe ich fünf Mal begonnen, Wer die Ratten stört zu schreiben – wenn auch unter anderen Titeln. Jedes Mal begannen wir unseren Weg an Jatkas Seite in seinem Zimmer im Lian Tundra. Er sitzt an seinem Fenster und beobachtet die Passanten vor der heruntergekommenen Villa. Sein Vater Dennok ist Alkoholiker, die Mutter verstorben, der große Bruder auf der Militärakademie. Seine Stiefmutter nichts als ein schmallippiger, blasser Schatten im Esszimmer. Es gibt kein Wissen. Dafür gibt es Kreaturen, halb hier und halb dort, die Jatka manchmal aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Manche sehen fast wie Vögel aus.
Die Geschichte beginnt so: Dennok stößt im Rausch eine Dienerin die Treppe hinab. Bei der ärmlichen Beerdigung kommen andere, halb vergessene Erinnerungen auf: An die Beerdigung der Schwester, an etwas, das nicht richtig sitzt im Geiste. Und Jatka reißt aus, um sie zu finden.

Es funktioniert nicht.

Oh, er findet sie irgendwann, und er tritt ihrer Bande bei, die in den Ruinen haust, und lässt sich von Gena malträtieren – die im übrigen eine tatsächliche Hexe ist, doch nach wie vor unsterblich und besessen von ihrem Hass auf die Reminar. Aber die Geschichte funktioniert nicht. Denn die Narekran sind damals noch jung: Jatka braucht keine drei Jahre, um Jinu zu finden, er schafft es innerhalb von Monaten. Und so verschieben sich unweigerlich alle wirklich relevanten Ereignisse in weite, weite Entfernung. Ich habe es geliebt, davon zu erzählen, wie Jatka sich bei den Narekran einfügt. Wie Octopus und Vortex ihre Einbrüche begehen und Toki rattenflink durch Fenster klettert, ein Schatten auf den Dächern von Mau. Es ist eine fantastische Geschichte von Taschendieben und Rebellen, von Liebe und Verrat und einem Hauch des Okkulten, von einem viel lebendigeren Jatka. Eine Geschichte, wie ich sie als Teenager mit Haut und Haar verschlungen hätte.
Aber ich wusste, wie es endet – das wusste ich ganz von Anfang an. Und ich wusste, was alles passieren musste, um an diesen Punkt zu kommen. Es war einfach zu viel. Der Kontakt mit den Reminar verschob sich um zwei oder drei Bände.

Es macht sehr müde, wieder und wieder von vorn zu beginnen. Immer wieder Kraft für einen neuen Anlauf zu sammeln, nur um nach dreihundert Seiten zu erkennen, dass man sich in den Fäden verhakt hat, oder dass man die ersten einhundert Seiten eigentlich neu aufsetzen müsste, oder dass es einfach nicht gut genug ist. Mit siebzehn hörte ich etwa drei Jahre lang auf, von Jatka zu erzählen, und wandte mich einer anderen Geschichte zu. Eine Schreibübung sollte es sein, nichts als eine reine Schreibübung, denn ich wusste, dass mir das Können fehlte. Bitte fragt nicht nach dieser Geschichte.
Aber danach konnte ich schreiben, wirklich schreiben, so, wie ich es mir vorgestellt hatte. So wie die Bücher, die ich selbst las. Und ich sagte mir, das wird der letzte Anlauf, ich mache das nicht noch einmal. Also setzte ich Jatka dort ab, wo die Geschichte beginnt. Einmal noch den Anfang umschreiben. Und dann –

Der Junge neben mir wird heute sterben, und das weiß er nicht.

Ist es Verrat, zuzugeben, dass mir die alte Geschichte besser gefiel? Dass es darin weniger Trauma und Hungerlöhne gab, dass die heute so übermächtige Vergangenheit nur ein Schatten war? Mit fünfzehn kann man so noch schreiben. Ich weiß nicht, ob ich wirklich diese Geschichte vermisse oder nur das Gefühl, sie zu schreiben. Aber wir sind nicht bei der Therapie hier.

Die Sache mit Kaylon

Es gibt einige wirklich spaßige Details, die ich größtenteils selbst wieder vergessen habe und gerade beim Überfliegen der beiden alten Textdokumente, die noch auf meinem Laptop verstauben, wiederentdecke. Tatsächlich habe ich keins der wirklich alten Jatka-Dokumente zur Hand, was ich unter anderem daran erkenne, dass er in beiden Versionen Kaylon heißt.

Vielleicht muss ich das erklären. Wir lebten zu der Zeit im Eibenweg, einem Einfamilienhaus mit sonderbar geschnittenem Gartenstück und einem minimalistisch eingerichteten Wohnzimmer. Der Hund war noch nicht vollends dement, und ich schätzungsweise fünfzehn. Ich hatte begonnen, meinen Eltern mein Schreibwerk zu zeigen (deren Fazit: viel zu ausführliche Beschreibungen von düsteren Sachen, aber gute Ansätze). In selbigem Wohnzimmer unterhielten wir uns gerade darüber, da sagte meine Mutter: „[…] aber den Namen finde ich komisch. Was ist Jatka überhaupt für ein Name?“
„Ich find den gut“, sagte ich.
Jatka. Klingt doch schwach. Der Name geht doch nicht. Ist das ein Männername?“
Long story short, ich wurde (mit erstaunlich viel Meinungskraft dahinter, was da los, Mutter?) davon überzeugt, dass „Jatka“ kein Protagonistenname sei. Damals wurde er noch Yatka ausgesprochen, was ich nach wie vor für einen sehr formidablen Namen halte. Ich war nicht glücklich mit dem Verdikt, aber man muss erst durch Erfahrung lernen, welche Lesermeinungen man annehmen und ignorieren sollte. Kurz erwog ich, besagten Jungen Kayn zu taufen, letztlich wurde er zu Kaylon.

Überhaupt haben sich einige Namen selbstredend verändert, auch wenn ich fast interessanter finde, welche sich seit zwölf Jahren stur halten.

Jatka von Eval – Kaylon von Eval – Jatka var Eval
Jinu (Jinelsa von Karath) – Jinu/Djin/Newa (Jenewra var Karath)
Gena (Genavra von Karath) – Gena (die guineverische Namenswurzel wanderte zu Jinu, das Verwandtschaftsverhältnis löste sich auf)
Octopus, Toki, Blance, Revca, Sedsaw und Maven blieben von Anfang an unverändert. Toki verlor einen Nachnamen und wird einen anderen gewinnen. Der Sichler ist ebenfalls ein alter Spitzname.
Auch Vortex ist seiner selbst schon immer treu und seit der ersten Version dabei. In der handschriftlichen Version spukte allerdings eine (weiße) Frau mit Stiernacken herum, die Vorta hieß.
Domian ist neu dabei. Dem Dokument zufolge hatte Blance einst einen Arbeitskollegen namens Doman, an den ich keinerlei Erinnerungen besitze.
Hjartan ist seit der vorletzten Version und mit diesem Namen dabei, hatte aber weiß Gott keine zentrale Rolle.
Nesto, Gladis, Alyce und Edna haben keine Änderungen erfahren. Maire hieß früher Marie.
Arven von Remin – Diavor von Remin – Arven Sekolow var Remin (man entsinne sich der Prowidenz Dijawora).
Meine größte Schande: Tito.

Der gute Tito nämlich trägt diesen Namen erst seit dieser Version. Wie hieß er früher? Ja-ha, wie hieß er früher. Varon. Das war sein Vorname. Graf Varon von Remin. ES TUT WEH, das zu lesen!

„Heute ist kein Ausrufer-Tag“, stellte Ebina fest und musterte den Eindringling kühl.

„Ganz recht… hohe Herrin“, stieß der Mann hervor und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Mich schickt seine Gnaden Graf Varon Akayne von Remin… der Sichler hat erneut zugeschlagen. Letzte Nacht.“

die schmerzen sind einfach unerträglich.

Die Namen sind natürlich nicht alles. Ich begann das Schreiben im Glauben, ich sei ein nettes, straightes Mädchen. Zwölf Jahre später sitze ich an diesem Artikel als stockschwuler Mann. Ich muss gar keine Auflistung daraus machen, denn das Ergebnis ist immer gleich: Am Anfang waren alle heterosexuell. Sogar Nesto. Jatka und Hjartan, so er dann erschien, waren „beste Freunde“. Auch wenn ich eine sehr interessante Stelle wiederentdeckt habe, in der Arven seinen kleinen Bruder in die Mangel nimmt. Wie war das mit der Farbe eines Gesprächs? Hallo, Gladis.

„Alyce ist meine Cousine, du Pfosten. Der werd ich nicht den Hof machen.“ Nesto trat ebenfalls ans Fenster. Man hatte einen schönen Blick über die Dächer vom Mau bis hin zur Stadtmauer. In der Ferne glänzte eine Flussbiegung wie ein gestrandeter Fisch im Sonnenlicht. Nesto wünschte, er wäre woanders, ganz gleich, wo.
„Cousine aus einem anderen Zweig […]. Da spricht nichts gegen.“ Arvens helle Augen schimmerten. Sie waren weit geöffnet und übten fast hypnotische Kraft aus, während er sprach. „Alyce ist noch nicht verlobt, sie kommt aus gutem Haus, reich ist sie auch, und hübsch noch obendrein. Worauf wartest du?“ […] Arven beugte sich vor. Seine Lippen waren schmal und scharf, wie mit dem Messer über seine blasse Haut gezogen. „Du bist vierundzwanzig […]. Die Leute erwarten, dass du dich verlobst.“
„Du bist achtundzwanzig“, entgegnete Nesto. „Du hast auch noch keine Frau.“
„Aber ich lade Lord Brutus‘ Töchter zum Ball. […] Ich mache Pläne, du nicht. Du willst doch nicht, dass gewisse Gerüchte aufkommen, was dich angeht…?“
Nesto sank langsam in sich zusammen. Die grelle Sonne stach ihm in die Augen. „Nein“, sagte er.

Eine andere Stelle nennt ihm Prinz Nesto, der jüngere Sohn des Grafen, der selten Aufsehen erregt, und ich führe Nesto mit diesem Zitat offiziell in die Top 3 der drastischsten Charakterentwicklungen ein. Es sei bemerkt, dass ich die Söhne des Grafen in willentlicher Missachtung europäischer Adelsgeschichte schon immer Prinzen genannt habe. Auch wenn damals noch alle Lords und Ladies waren.

Sukra, Belladonna, Branntwein

Ich glaube, ich werde an anderer Stelle noch viel über Charakterentwicklung schreiben. Darüber, dass Jinu und Octopus ohne Belabesch nichts als obsessive Liebhaber waren, der eine drogensüchtig, die andere dem Wein verschrieben, unfähig, ohne einander zu funktionieren, noch viel unfähiger, es miteinander zu tun. Darüber, wie viel einfacher es ist, den Menschen banale Gründe zu geben: Grundlos böse Charaktere sind viel schwieriger zu schreiben als weltfremde Bürokraten, mutually abusive relationships schwerer als solche, in denen einfach zwei zutiefst kaputte Individuen kollidieren. Man muss erst lernen, dass die Welt nur in Grautönen existiert, doch sobald dieser Schalter im Hirn umgelegt ist, versteht man so viel mehr. Alles hat Wurzeln, ob diese rational sind oder nicht. Und die Intensität, die leuchtende Primärfarbe von bedrohlich und naiv und zynisch, geht nicht verloren. Wie ein hastig aufgetragenes Aquarell laufen die Farben über die Bleistiftränder hinaus, vermischen sich und blühen sekundenlang in fetten Wassertropfen wie Eiskristalle. Dennok und Tito teilen nun zwischen sich den Jähzorn auf, der früher allein Jatkas Vater gehörte – Dennok behält mehr von der Schwermut, Tito nimmt die Übergriffigkeit auf seine Seite der Geschichte. Gladis trägt Arvens Schärfe. Toki und Jatka treten gemeinsam einen Schritt nach links, kleiden sich in eine düstere Vergangenheit und unsichere Zukunft, ohne dabei den schon immer geteilten Funken klarer, unschuldiger Lebensfreude zu verlieren. Revca und Nesto… die Farben sind dieselben wie eh und je, nur neu gemischt. Ich schreibe seit einem Dutzend Jahren diese Geschichte, und es ist noch dieselbe Geschichte, das würde ich beschwören. Ich wusste immer, wie es endet. Wer will schon das Ende wissen?

„Fangen wir an, wir haben nicht viel Zeit.“ Octopus seufzte und setzte sich auf den freien Platz am Kopfende des Tisches. Warum hatte eigentlich ein geisteskranker Serienmörder, der sich selbst als Tintenfisch bezeichnete, ein so hohes Amt inne? Und was sagte das über die [Narekran] im Allgemeinen?

eine hervorragende frage. damals hatte jatka noch ideale.

Die Aufstellung des Rates der Narekran war von Anfang an sehr geschlechtsneutral durchmischt, auch wenn Muurna vor Gladis‘ und Alyces rapidem Aufstieg sehr männerdominiert war. Es hat ein wenig gedauert, mich von Korsetts und Gesellschafterinnen freizumachen, aber so war das Anfang 2010 in der Fantasyliteratur eben. Auch Jatkas Freunde und Bekannte waren stets angenehm durchmischt (ich glaube, Gena kann ich heute nicht mehr guten Gewissens als Frau zählen). Was sich hingegen stark verschoben, sind persönliche Motivationen. Mein Gott, früher war wirklich jeder ineinander verliebt, und das meist zu Ungunsten der Frau. Revca, die sich nach einer kurzen Affäre einseitig in Arven (!) verliebt, ist eins der wohl herausragendsten Beispiele (diese Kombination wird mit jedem weiteren Band abstruser werden, das kann ich versprechen: Komm in fünf Jahren wieder und lies diesen Satz noch einmal). Die beiden sind auf der Skala sehr, SEHR dicht gefolgt von Jinu und Nesto, zwischen denen irgendetwas ganz Komisches läuft. Dann natürlich noch Jatka und Toki (die einzige halbwegs natürliche Kombination in dieser ahnsverfluchten Liste – er findet sie noch heute attraktiv). Das kann natürlich erst nach Mavens Tod passieren, denn Toki war vorher mit Maven zusammen. Jinu und Octopus ersaufen in Kontrollzwang und Eifersucht. Ich kann mich nicht entsinnen, ob Arven neben seinem Seitensprung mit Revca je Gefühle für irgendeine Frau entwickelt – vermutlich nicht, der Antagonist kriegt ja keine Liebe ab. Auf subtile Art haben sich die Orientierungen – oder vielmehr ihr Effekt – rückblickend schon durchgesetzt. Arven zweifelt lautstark daran, dass Nesto sich eine Frau suchen will, und zeigt selbst keinerlei Interesse. Revca ist chronisch ledig. Jinu ist mit Octopus (größtenteils) zufrieden, Jatka findet Toki hübsch und formt mit Hjartan sofort ein unausgesprochenes, beidseitiges Bündnis.

Im nächsten Moment ging die Tür ruckartig auf, und Hjartan machte einen Satz nach vorn, einen halben Ziegelstein in der Faust.

„Erschlag mich ruhig“, sagte Gena sarkastisch und schloss die Tür.

10/10, der junge.

Die beiden gehen übrigens gemeinsam zu den Narekran, nachdem Hjartan mitten in der Nacht mit einer Laterne in der Hand an Jatkas Haustür klopft und etwas im Sinne von willst du diese Lebensentscheidung ebenfalls treffen fragt. Es gibt keine heterosexuelle Erklärung für diese Szene.

Mein liebstes Detail, und eines, mit dem ich diese kleine Erzählung vorläufig abschließen möchte: Jatkas trockener Narekran-Freund, Rotbarsch (Wirgendal), hinkt seit jeher über meine Seiten.

Der (ersehnte) Tod des Authors: Die Mathematik hinter den Djakkar

Es war einmal ein junger, naiver Schreiberling, der es für eine gute Idee hielt, seiner Kolonialmacht einen guten Grund für ihre wiederholten Invasionen zu geben. Jetzt sitzt er vor seinem Laptop, an einem wunderschönen, lauen Sommertag anno 2021, und liest Artikel, die Sätze enthalten wie „We already have 62,500 lbs on each driving axle and 70,000 lbs is the maximum axle load limit i.e. the maximum the rail can hold. To use the full 76,000 lbs of thrust at 20% adhesion we would need 380,000 lbs on the drivers or 95,000 lbs per axle!“ (Quelle). Dies ist eine Mitschrift meiner Erkenntnisse, fundiert und gestützt von einer soliden 4- in Mathematik und einer noch solideren 5+ in Physik (kein Scherz).

Send help.

Ganz zu Anfang muss erwähnt sein, dass Djakkzüge höhere Geschwindigkeiten als Dampflokomotiven erreichen können und ihre Schienen anders aufgebaut sind. Die Schienen ragen über einen halben Meter weit in die Höhe, und der Zug wird darauf eingelassen. Das erklärt auch den starrenden Mangel an Weichen und die enorme Herausforderung, die eine Weichenstellung darstellt. Zwei hüfthohe, tonnenschwere Stahlkeile sind nicht kurzerhand zu bewegen. Außerdem muss man bedenken, dass Weichen in einer Welt ohne Fernkommunikation unglaublich riskant sind. Fahrpläne sind niemals perfekt, vor allem, wenn die Zugmaschine lebt. Wenn zwei Züge kollidieren, sind im schlimmsten Fall achtundvierzig hochenergitisierte Djakkar frei. Sachschaden: SW65 pro Tier, SW100 pro Zug, und wenn irgendeine Ansiedlung in der Nähe sein sollte, kommen dazu haarsträubende Schadensersatzzahlungen und Gerichtskosten. Über neunzig Prozent aller Zugstrecken Morans kreuzen sich mit keiner anderen und werden nur in eine Richtung befahren. Langstreckenschienen sind ein wenig höher und mit mehr Ingenieurskunst installiert, um die Züge in den Kurven nicht auszubremsen. Manche Kurzstreckenrouten sind für ihre funkensprühenden Züge geradezu berühmt. Eine der Pflichten des Zugführers ist es, auf Überhitzung zu achten. Doch die Morakar hatten ein Jahrtausend (1614 Jahre) lang Zeit, im Rahmen dieser Einschränkungen extrem effiziente Zugstrecken zu bauen, und sie haben es getan.
Der Grund, weshalb ich an dieser Stelle trotzdem häufiger die Dampflok zum Vergleich heranziehen werde, ist, dass es an sonstigen Beispielen schlicht mangelt. Wir haben die Dampflok so schnell hinter uns gelassen, dass es ihr an ähnlichen mechanischen Ablegern schlicht mangelt. Zu dieser Misere kommt der Fakt, dass das ähnlichste Arbeitstier zum Djakk das Pferd ist, was ungefähr einem Vergleich von Wasserschwein und Wildschwein gleichkommt. Ich gehe mal kurz in die Küche, um mir eine abgestandene halbe Flasche Rotwein zu holen.

„According to the Davis formula for train resistance, a 50 car 2500 tons train will have 50,000 lbs of drag at 117 mph.“ (Quelle s.o.) Ich habe das Gefühl, das sollte ich mir notieren. Ich gebe außerdem zu, nicht nur in die Küche gegangen zu sein (der Wein schmeckt genau, wie ich ihn nicht in Erinnerung habe), sondern auch noch quer über die Straße zum Supermarkt für eine Tiefkühlpizza. Selten hat mich das Schreiben derart schnell aus dem Haus getrieben. Ich lese weiter. „One may legitimately ask, why did I choose to compare the 4-8-4 to an SD40? The short answer is because it proves my point. Always beware of the writer’s motives.“ Sympathisch. „Some say I should have used an articulated loco[…]. In my humble opinion, an articulated loco is actually two steam engines permanently MU’d together. […] So, if I’d used an articulated loco then I should get to use at least a two unit [diesel engine] of equal HP. „Oh no“, they cry, „We are comparing only single unit locos.“

Mein Leben hat den Humor einer Salinger-Novelle, und ich mag das.

Der Artikel ist sehr verständlich geschrieben (ehrlichen Dank dafür, Al Krug). Das Konzept des Cut-offs (die Dampflok ist von 0-25mph eine constant force machine, von 25-50 eine constant horsepower machine) wird bei der Beschreibung eines tatsächlich fahrenden, aktiv gelenkten Zugs noch wichtig werden, glaube ich. Ganz auf die richtige Spur bin ich noch nicht gekommen. Ich lese einen Artikel über die Kosten von Zuggesellschaften. The reason why governments are forced to provide public services is because the private sector doesn’t want to. (Quelle) Unterhaltsam, aber nicht zielführend. Ich ende, wie so oft, auf Wikipedia.
Anscheinend haben Pferde wirklich auf Schienen fahrende Karren bewegt, direkte Vorgänger der Dampflokomotive (die deutsche Übersetzung „Pferdebahn“ scheint mir mangelnd, die Briten sprechen von Wagonways). Der Einsatz von Ponys zum Ziehen von Minenkarren war mir vertraut, und dies ist nicht anders. Ich lerne nebenher, dass Schmiedeeisen stärker als Gusseisen ist. Ich frage mich, ob dies jemals eine einzige Seele lesen wird. Hallo, da draußen! Schönes Wetter, um leise zu weinen, oder? Ich fühle mich in diese eine Woche versetzt, als ich mit zwölf Jahren alles über Kampfjetmotoren wissen wollte. Deutschland hat zwei überlebende Pferdebahnen für Touristen. Ganz großartig.

Ich finde heraus, dass ich nicht berechnen kann, wieviel PS ich zum erstmaligen Beschleunigen eines Djakkzugs benötigte, weil ich den tractive effort eines Gespanns nicht kenne. An dieser Stelle sehe ich ein, dass ich mit vagen Google-Suchen wohl nicht weiterkommen werde. Mein Wein ist fast alle. Ich kehre zu der ersten Zug-Enthusiasten-Seite zurück. Was will ich eigentlich wissen?
Gehen wir davon aus, dass ein Zwölfgespann einen voll beladenen Güterzug mit einer konstanten Geschwindigkeit von 50 mph (~80km/h) bewegt. Das kommt meiner Meinung nach sehr gut hin; Höchstgeschwindigkeiten auf flacher Langstrecke liegen bei knapp über einhundert Stundenkilometern, während zwischen Ortschaften und auf hügeligen Strecken oft nicht mehr als vierzig erreicht werden. (Kurz und irrelevant, aber kann man sich den Lärm eines vollmechanischen Zugs auf hohen Stahlschienen vorstellen, der mit einhundert Sachen durch die Landschaft jagt? Alle Zugführer müssen halb taub sein, das muss ich irgendwo erwähnen).

This article has multiple issues. Me too, buddy.

Lieben Gruß an dieser Stelle an den Verfasser dieser ehrlich nützlichen Seite, der voller Freude eine Dampfmaschine mit elftausend Wasserkochern vergleicht.

Wir können davon ausgehen, dass ein voll beladener Güterzug in Moran ein Gewicht von zweitausend Tonnen hat und Djakkar im Schnitt eine etwas niedrigere Zugkraft als eine Dampfmaschine haben. Um 50mph zu erreichen und zu halten, benötigt eine durchschnittliche Dampfmaschine mit Cut Off rund 3000 PS (Pferdestärke). Da Djakkar nicht ebenso präzise gedrosselt werden können und ihr Energieverlust dadurch höher ist, ziehe ich für einen durchschnittlichen Djakkzug mal die Zahl von 4500 benötigten PS aus dem Ärmel. Das Gewicht eines Zugs spielt nur bei der Beschleunigung eine Rolle, und da Djakkar bei Schwertransporten ausgetauscht werden, ehe sie ernsthaften Verschleiß spüren, ignoriere ich diesen Faktor an dieser Stelle völlig.

Endlich sind wir bei dem Punkt dieses Artikels angekommen! Ein Djakk hat ~375PS. Das ist so viel wie ein 2015 Dodge Challenger.

(Pro 1PS sind es außerdem 641.186 Kalorien pro Stunde. Mann, dieses Distelöl muss echt gut sein. Anderes Thema. Anderer Tag. Bitte.)

Das Öl im Getriebe: Belabesch

Belabesch [Eigenname]: Orlenzeichen byel-hafk-set-/-besk, abgeleitet von Alt-Morai „biel beresch(weiße Furt); vgl. Bielga von „biel gard“ (weiße Festung), Oklinbesk von „oklinem beresch“ (Kornbauernfurt) und Bereschaia von „beresch andjan“ (Färbergosse)

Es bietet sich durchaus die Frage an, welche Verwendung eine Industrienation mit einer nahezu allwissenden Oberschicht für den steten Zufluss von blutjungen, vollkommen überqualifizierten Kultmitgliedern hat, der aus den Toren der Belabesch-Schule kommt. Der Belabesch-Absolvent hat nicht nur eine überragende Allgemeinbildung erhalten; er spricht mindestens zwei Fremdsprachen und drei Dialekte fließend, liest Orlenzeichen und Alt-Morai, und hat ein Verständnis von Poesie, Geschichte, Ethik und Psychologie. Hinzu kommen die Spezialisierungen: Fachwissen in Wirtschaftstheorie und Rechtswesen, Manipulation und Verhörmethoden, Diplomatie und Staatskunst. Jeder Zwölfjährige (achtzehn Jahre Lebenszeit auf der Erde), der das Belabesch-Institut verlässt, hat die weltweit beste Bildung genossen und in jedem Fach gute bis herausragende Ergebnisse erzielt.

Im Durchschnitt verbringt ein fertig ausgebildeteter Theoretiker (blau) sechseinhalb Jahre außerhalb der Schule, ein Kommandant (rot) zwölf Jahre und ein Mannsjäger (grün) nur zwei Komma acht.

Eine extreme Menge an Zeit und Geld auf ein rigoroses Trainingsprogramm zu verschwenden, das in den seltensten Fällen zu finanziellem Gewinn führt, wirkt noch absurder, wenn man diese Zahlen kennt. Die Hälfte aller Mannsjäger ist in ihrem Leben weniger als 2,8 Jahre im Einsatz. Sie erledigen ihren Auftrag, und wenn sie überleben, erstatten sie ihrem Herrn danach Bericht. Dann – je nach Vertrag – bleiben sie ihm hörig oder kehren sofort nach Belabesch zurück.
Infiltratoren haben die besten Chancen auf langfristige Beschäftigung, denn das IBG, der größte Abnehmer, ist nicht verschwenderisch. Detektive werden hauptsächlich von der Garda oder der Stadtwache erstanden, um interne Fehlstände aufzudecken, und nachdem sie sich die Hände beschmutzt hat, werden sie nur allzu gern wieder nach Belabesch entlassen. Meuchelmörder letztlich sind, so sie nicht ins Ausland verkauft werden, die Eintagsfliegen der Schule und kehren mit einer Rate von über 94% nach weniger als einem halben Jahr zurück.

Erfolg über alles.

PLAKETTE ÜBER DER SCHLAFSAALTÜR

Das System funktioniert genau, wie es soll, und so lohnt es sich, seine Struktur zu hinterfragen. Uns ist ein ähnliches Konzept als planned obsolescence bekannt, die morakische Bevölkerung würde es mit einer Sollbruchstelle vergleichen. Ob man Druckerpatronen ein künstliches Verfallsdatum verpasst oder einen Pfeil anritzt, sodass er an einer bestimmten Stelle bricht und die vergiftete Spitze im Fleisch des Feinds stecken bleibt: Ein Produkt wird absichtlich schwächer gemacht, als es andernfalls gewesen wäre, und der genaue Punkt seines Versagens wird im voraus bestimmt.

Die Sollbruchstelle jedes Belabeschkiem ist genau definiert, und wir wollen uns damit an dieser Stelle bewusst nicht beschäftigen. Eingehen will ich auf die extreme Fragilität der Absolventen – denn fragil ist jeder einzelne, ob er nach einigen Wochen zurückkehrt oder wie Alois und Sandrine Jahrzehnte außerhalb der Mauern verbringt. An den Versagern, um die sich unsere Geschichte dreht, lässt sich der Effekt der lebenslangen Indoktrinierung gut feststellen. Belabeschkar sind nicht nur von konstanten, unbezwingbaren Selbstzweifeln geplagt – sie sollen jegliches Versagen sofort erkennen – und leiden an vielzähligen Neurosen, sondern sind explizit dazu erzogen, außerhalb der Mauern nicht überlebensfähig zu sein.
Octopus umgeht seine mentalen Ketten, indem er sich in Jinus Dienst stellt und die klaffenden Lücken zwischen seinen Gedanken mit Drogen überbrückt. Sasatin Petrowny, isoliert und hochsuizidal, ist ein viel besserer Indikator für das Ergebnis, das ein flüchtiger Absolvent erwarten darf. Sasatins ist das bestmögliche Ergebnis. Es gibt kein Leben außerhalb von Belabesch.

„Man kann den Jungen aus dem Armenhaus holen, aber kann man das Armenhaus auch aus dem Jungen holen?“

LIVI MICHAEL, DIE FLÜSTERNDE STRASSE

Eine ganze Reihe von Unterrichtsbausteinen zielen allein darauf ab, die Absolventen lebenslänglich an die Schule zu binden, und wer diese Lektionen seit dem Kleinkindalter durchläuft, hat statistisch gesehen keine Chance, jemals ein eigenständiges Leben zu führen. Natürlich gibt es widerspenstige Geister, doch die erreichen nicht das Abschlussalter.

Erfolgskriterien

Fünf Voraussetzungen erfüllen alle erfolgreichen Absolventen unabhängig ihres Zweigs und ihrer Spezialisierung; als da wären

  1. Austauschbarkeit
  2. Selbstkontrolle
  3. Rückkehrgarantie
  4. Dissoziation
  5. Gehorsam

Austauschbarkeit ist der Grund, weshalb alle Schüler das gleiche exzessiv anmutende Programm durchlaufen. Musste Sasatin als Infiltrator einer Unterstadt-Bande jemals ein alt-moraisches Gedicht analysieren? Nein. Doch er musste Schlösser knacken, das Schusterhandwerk imitieren und die Straßenpreise von Opium und Sukra nennen können. Wäre Sasatin erfolglos bei diesem Auftrag gestorben, hätte das IBG einen Ersatz bestellt, und der Rückkehrer, der während seines ersten Dienstes vielleicht den studierten Dolmetscher eines adligen Sewerans spielte, muss plötzlich aus dem Stehgreif einen authentischen Schustergesellen mimen. Austauschbarkeit ist das Erfolgsrezept von Belabesch. Wer nicht in jeder Disziplin fundiert genug ist, um die Schuhe seines Nebenmanns füllen zu können, muss in einem Fach die 100 Punkte erreichen und als hochspezialisiertes Werkzeug dienen. Wem auch das nicht gelingt, der darf sich von seinen Zukunftsplänen verabschieden. In jedem Jahrgang erreichen ca. 2-3% der Absolventen die 100 und damit ihren Abschluss.

Selbstkontrolle, bereits im Kontext der Fragilität der Schüler erwähnt, ist die mächtigste Waffe gegen den Individualismus. Anstelle ein schwarz-weißes Konzept als Wahrheit zu etablieren, das sich brechen und abstreifen lässt, wird ein wenn-dann Mechanismus in der kindlichen Psyche verankert, dessen Ausrottung fast unmöglich ist. Drohungen wie draußen wirst du versagen, also komm zurück; niemand außer uns wird dich annehmen, also komm zurück sind Aussagen, deren Richtigkeit sich beweisen oder widerlegen lassen. Schlagsätze wie diese sind leicht zu isolieren und vom eigenen Gedankenstrom zu trennen, vor allem, wenn sie mit gleichem Wortlaut oft wiederholt wurden. Natürlich lehrt Belabesch Mantras und einprägsame Gedankenketten, doch niemals im Kontext der Selbstkontrolle.

Die belabeschke Selbstkontrolle ist das konstante Hinterfragen und Beurteilen der eigenen Taten und Gedanken, weit über den Unterrichtskontext hinaus. Kinder werden früh angewiesen, vor versammelter Klasse ihre soeben gemachte Aussagen zu benoten, und für eine Fehleinschätzung bestraft. In späteren Jahren führen das Ethikprogramm und die stetige Anwendung von messbaren Werten auf subjektive Empfindungen zu einer Zementierung der Selbstkontrolle. Schülern wird stets mitgeteilt, welches ihrer eng gesteckten Entwicklungsziele sie gerade verfehlen: Ausdauer, innere Bereitwilligkeit, Mathematik… Und die harschen Konsequenzen für Versagen, mit denen sie aufwachsen, tun ihr übriges.

Die Rückkehrgarantie ist von einem Außenstehenden vielleicht am schwersten nachzuvollziehen. Es sollte unmöglich sein, eine derart große Menge von Menschen (man erinnere sich, jede Prowidenz hat eine Belabesch-Schule) über einen Kamm zu scheren. Es gibt offenkundig Versager. Also muss es doch wenigstens unter denen einige geben, die in Freiheit leben und sterben?
Belabesch wurde von den Priestern von Rawat gegründet und läuft in der Form, wie wir es heute kennen, seit 945 Jahren unter der Aufsicht des IBGs. Das sind 1417 Erdenjahre Zeit, eine verlässliche Methode der Gehirnwäsche zu entwickeln.
Natürlich gibt es Unfälle, die Absolventen ereilen und dafür sorgen, dass sie außerhalb der Mauern sterben. Doch es kann kein Leben außerhalb von Belabesch geben. Höchstens geliehene Zeit, gestohlene Zeit, ein Band, das gedehnt wird, bis es reißt. Und alle – gesuchte Versager wie hochdekorierte Sekretäre – sind sich dessen vollkommen bewusst.

Dissoziation ist schnell zu erklären. In diesem Fall bedeutet der Begriff nichts als die Verweigerung von Assoziation; eine bewusste, mentale Abschottung gegenüber all derer, die außerhalb der Mauern aufgewachsen sind. Belabesch ist ein geschlossenes System mit eigenen Geschichten, Liedern und Riten. Es ist für einen Absolventen unmöglich, sich ehrlich und auf Augenhöhe mit einem Außenstehenden verbunden zu fühlen. Die Wir-gegen-Sie Maxime wird früh gelehrt, und wer sein Leben lang dazu erzogen wird, die Mechaniken der Welt auf Befehl hin zu manipulieren, sich darin zu tarnen und mit der Berechenbarkeit ihrer Einwohner zu spielen, wird darin nie Heimat finden.

Zu guter Letzt: Gehorsam. Die belabeschke Definition dieses Begriffs weicht ein wenig von der herkömmlichen ab. Doch kein Schüler ohne tiefsitzenden Wunsch, den Lehrern zu gefallen, erreicht einen Abschluss. Vorgetäuschter Gehorsam bricht im Angesicht einer Feuerprobe letztlich ohne Ausnahme.

Diese unendliche Fremdheit

Die Ehefrau von Ifrit var Remin, dem Tausend-Gulden-Prinz, schrieb im Kerker ein Buch. Die Seiten wurde von einem Wachmann einzeln aus dem Wrungail geschmuggelt, und nach Ifrits Tod wurde das Dokument veröffentlicht. Es gewährte einen selten intimen Blick auf das Leben an der Seite eines Belabesch-Absolventen und ist seit mehreren Jahrhunderten indiziert.

[…] er aß und trank aber nicht mit mir, denn er vertraute mir nicht, das erkannte ich an der Art, wie er mich betrachtete. Ich habe Kinder gesehen, die Insekten so beschauten: Schillernde, vielbeinige Dinger, die in einem Weckglas krabbelten und nie begriffen, wie sich daraus entkommen ließ. Ifrit isst mit seinen Gefolgsmännern, wobei er stets Acht gibt, worüber sie sprechen […] und woher sie heute gekommen sind. […] er beschlief mich mit Widerwillen und ließ sich in keiner Weise von mir berühren; den Kamm des Dieners nahm er nicht wahr, doch wenn ich sein Haar anfasste, packte er mich am Handgelenk und verursachte mir Schmerz. Dabei war kein Zorn in seinem Blick, er war sich des Ursprungs des Reflexes nicht bewusst und sieht ihn als natürlich an. […] Ich muss gestehen, dass ich diese Theorie […] testete. Wie ich erwartet hatte, stumpfte seine Reaktion auch nach einem Dutzend sanfter Berührungen nicht ab, auch stellte er nicht in Frage, was ich da tat. Für Ifrit war meine Motivation so schleierhaft wie mir die seine, doch ihn plagte keine Neugier. Wie ein Pferd, das mit dem Schweife die Fliegen verjagt, packte er mich wieder und wieder an der Hand.
Von mir gab es nichts zu erreichen, denn ich gehörte ihm schon, und das war mein ganzer Zweck. Unter seinen Mannen hörte ich sein Gelächter und beobachtete, wie er sich aalgleich und flink durch die Gespräche bewegte. Wenn wir allein waren, fiel dieses Verhalten ganz plötzlich von ihm ab, ohne eine Minute des Übergangs, was mir am Anfang Angst bereitete. Ifrit zeigte nach dem Ablegen dieser Maske keine Müdigkeit; ihm schien das eine vertraute, gewöhnliche Aufgabe zu sein wie mir das Schreiben von Briefen. Es wäre falsch […] zu behaupten, mir gegenüber habe er nie Emotion gezeigt. Ich will sagen, dass ich diese Emotionen nicht verstand.

[…] Ich habe die Rolle gefüllt, die mir gegeben wurde, und nie darüber geklagt. In mancher Hinsicht, obwohl ich bei den Ratten schlafe und Ifrit in den Daunen, fühle ich mich ihm verbunden. Ifrit ist ein Reisender aus einem unbekannten Land, der uns vom jenseitigen Ufer eines unüberbrückbaren Flusses beobachtet. Ich konnte ihn nicht berühren, und er nicht mich, denn er spricht die Sprache einer anderen Heimat. Diese Distanz ist ein Gift, das ihn zersetzen […] und lange nach meinem Tod auch Ifrits Ende bringen wird. Ich hege keinen Hass mehr gegen meinen Mann. Wenn er zu seinen Ahnen heimkehrt, werden sie ihn einlassen, doch er wird dort kein Ende dieser unendlichen Fremdheit finden.

Wer heute stirbt, ist morgen tot: Eine Betrachtung der Zeit

Durch eine kaputte Scheibe dringt der Geruch von warmem Stein und frischem Laub. Leise raschelt die Platane vor dem Fenster. Es ist Tag der Gabe, und wir alle haben frei. Die meisten nutzen die Zeit, um ihre Wäsche zu waschen, sich in der Kneipe zu betrinken oder einfach nur auszuruhen.

  • eine Woche = 10 Tage
  • ein Jahr = 550 Tage = 55 Wochen
  • erwachsen (arbeitsfähig, erbfähig, tätowiert) = 12 Jahre
  • volljährig (heiratsfähig, Zugang zu öffentlichen Ämtern, voll straffähig) = 16 Jahre
  • keine individuellen Geburtstage, es sei denn, sie fallen auf einen Feiertag; kollektive Geburtstage werden in der Mitte jeder Jahreszeit gefeiert
  • der fünfte („Brückentag“) und zehnte („Tag der Gabe“) jeder Woche sind freigestellt; während am Brückentag üblicherweise halbe Schicht gemacht wird, herrscht am Tag der Gabe für die meisten Zünfte ein Arbeitsverbot

Das Verständnis der Morakar vom Verstreichen der Zeit ist auf Arbeitswochen und Jahreszeiten fokussiert, ist also in gleichem Maß geprägt von Kapitalismus und Natur. Einer Kultur mit drei „Monden“, die jeweils eine Jahreszeit oder länger am Himmel stehen (und bei denen es sich tatsächlich um Nachbarplaneten des gleichen Sonnensystems handelt, wie die Khjerawar früh erkannten) – einer solchen Zivilisation wird die Unterteilung in Monate nicht naturgemäß gegeben. Eine interessante Parallele des fehlenden Mittelfelds bei Größeneinheiten findet sich beim morakischen Geld:

  • 10 Krowek = 1 Rien
  • 1000 Rien = 1 Sowarein

Die gleiche klaffende Lücke, die in der Aufreihung Tag – Woche – Jahr erscheint, findet sich in Krowek – Rien – Sowarein. Es ist wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass dies ein kultureller Unterschied ist, der dem morakischen Betrachter nicht ins Auge fallen würde. Sowareinmünzen lassen sich halbieren und vierteilen, und Jahre auch…

Auf der westlichen Seite des Gebirges, wo Jahreszeitenwechsel weniger monumentale Auswirkung haben, wird das Jahr anders begriffen. Wochen sind kürzer, und Monate – gemessen an der Zeit, die eine Öldistel vom Keimling zur reifen Frucht benötigt – sind den verschiedenen Göttern gewidmet und dementsprechend wichtig… Doch wir befinden uns im Osten, und hier wissen die wenigsten auch nur eine khjerawische Gottheit zu nennen.

Kein Geburtstag und kein Grab

Auf jeder Seite dieses Buches finden sich Morakar, die versuchen, gegen den von ihnen empfundenen Mahlstrom der Zeit anzukämpfen. Vergänglichkeit und Vergessenheit sind stets nur einen Steinwurf entfernt, was eine interessante – und tragische – Dualität zum Wissen bewirkt. Nichts, so heißt es, wird in Moran je vergessen. Alles kommt wieder. Märchen, Lieder und Mythen verbreiten sich sehr schnell im Land, und der wahre Kern darin bleibt auch tausend Jahre später praktisch unverändert erhalten. Doch will man die Genealogie der legendären Figuren verfolgen, stößt man mit herkömmlichen Mitteln schnell auf Hindernisse. Keine Blutlinie Morans ist besser dokumentiert, so sollen sie als Beispiel herhalten: Die Reminar. Hier zwei Probleme, die beim Blättern in den Geschichtsbüchern sofort ersichtlich werden.

  • Geburts- und Sterbedaten werden nur äußerst vage bezeichnet. Geburtstag ist die betreffende Jahreszeit (Quelle dessen mag einst, wie im Mittelalter, eine gewisse Wartezeit gewesen sein – ob das Kind denn überleben werde). Todesfälle werden auf die erste oder zweite Hälfte der Jahreszeit datiert, ein Zeitraum von bis zu 100 Tagen also.
  • Der Mangel an Grabmälern und die Abweichungen innerhalb der Geschichtsbücher machen Datierungen von Hochzeiten, Todesfällen etc., die vor mehr als einigen hundert Jahren stattfanden, mitunter überraschend schwer. Man vermutet, dass Graf Sidling (Uskoniews Urgroßvater) zwischen 698 und 714 geboren wurde: Zu jener Zeit galt es als unhöflich, das Alter eines Adligen zu drucken, und am Tage seiner Krönung beschrieben ihn die Zeitungen wahlweise als „gesetzt“, „jugendhaft“, „energiegeladen“ und „resolut“. UMN schrieb […] sein weißes Haar verleiht Graf Sidling die Weisheit des Alters und die Frische eines Mannes in seiner höchsten Blüte. Man mache daraus, was man will.

Tatsächlich ist es beinahe unmöglich, in der Zeitung eine feste Altersangabe zu finden, denn die Journalisten (denen stets irgendeine Frist droht) haben Besseres zu tun, als sich für jeden Zeitungsbericht in den städtischen Archiven anzumelden und in den Geburtsurkunden zu blättern. Je älter eine Berühmtheit ist, desto ungenauer werden die Altersangaben. Manche Journalisten führen private Listen, die sie an ihre Juniorkollegen vererben. Eine solche nicht aktualisierte Liste führte dazu, dass Nesirine var Brutus – die langlebige Mutter von Derrik und Henrik – in der Sprochanie Mau ganze sechs Jahre lang nicht alterte. Der Fehler wurde erst entdeckt, als UMN Glückwünsche anlässlich ihres fünfzigsten Lebensjahrs druckte und jemandem in der Sprochanie-Redaktion auffiel, dass man ihr noch nicht zum fünfundvierzigsten gratuliert hatte.

Die bürokratische Kultur, die am Hof von Mau so prävalent scheint, ist jung. Amalranth var Remin und seine Gattin Scherberat sind für ihren Ursprung verantwortlich, und Uskoniew sorgte mit seiner obsessiv-genauen Art dafür, dass maurische Bürokratie bald ein bekanntes Übel wurde. Maurische, wohlgemerkt, nicht morakische: Andere Prowidenzen handhaben ihre Bevölkerung deutlich pragmatischer und mit nur einem Bruchteil der zahllosen Sekretäre, die in Mau herumschwirren. Wer Alois Pellbeck beim Protokollieren jeder Ratssitzung beobachtet, kann schnell dem Trugschluss erliegen, dieses Verhalten habe Tradition. Ich fordere den derart überzeugten Leser dazu auf, mir eine Liste der Stadtratsmitglieder zur Zeit von Uskoniews Krönung vorzulegen. Nicht, worüber sie sprachen, nur die Mitglieder: Die damaligen Patrone und Gildensprecher, Handelsvertreter und Lokalminister. Allesamt wohldokumentierte Posten, wie man meinen sollte.

Nein? Keine Sorge, das kann niemand.

Das Gestern schläft, bis man es weckt

Die grundlegende morakische Mentalität lässt sich derart zusammenfassen: Das Heute muss ich morgen nicht beweisen.
Es liegt starker Fokus auf der Gegenwart und ihrer nachweislichen Richtigkeit, und sehr wenig auf der Vergangenheit. Das mag paradox erscheinen, doch ich will versuchen, es anhand einiger Beispiele zu erläutern.
1. Ein Graf wird die Legitimität und Blutlinie seines neugeborenen Kindes von mehreren unabhängigen Quellen bestätigen lassen und diese Ergebnisse veröffentlichen, doch er wird für gewöhnlich keine Schritte unternehmen, diese Dokumente zu archivieren.
2. Begräbnisse sind sehr emotionale Zeremonien, bei der getrocknete Kräuter verbrannt, Reden über den Verstorbenen gehalten und jahrhundertealte Klagelieder gesungen werden. Es wird jedoch kein Grabmal errichtet, um die Stelle für zukünftige Besuche zu markieren.
3. Wenn ein Verbrechen ohne Strafe verjährt, weil es an Beweisen mangelt, wird es…. hingenommen. Es mag unerhört scheinen, dass Henrik nas ben Brutus mit dem Mord an einem Hochadligen davonkam, danach den Nerv besaß, sich Kruwo („der Blutige“) zu taufen und, das muss man sich ins Bewusstsein rufen, mit diesem Namen salonfähig und beliebt wurde. Und dies ist kein schweigender Auswuchs einer zum Wegsehen erzogenen Oberschicht; Kruwos Hergang ist ungefähr das erste, was man aus jedermanns Munde über ihn erfährt. Sein Vater war weder unbeliebt noch seinerseits ein Verbrecher. Nein, die Sache ist geschehen, da kann man nichts machen, und mangels triftiger Beweise sollen Kruwos Ahnen darüber richten.
Es ist klar, dass diese Mentalität – ob man sie als vergebend oder als verharmlosend ansehen will – nicht im Sinne des Opfers spielt.

Der gemeine Morak geht im Grunde seines Herzens davon aus, dass jeder sein Bestes gibt, alles recht zu tun, und zeigt Verstöße gegen diesen Ethos sofort an. Eine sehr geringe Toleranz gegen Nachlässigkeit und Fehlerhaftigkeit führt zu einem gesteigerten Vertrauen in das Endprodukt, sodass – gefühlt – kaum etwas später beweisbar sein muss. Schließlich haben alle ihr Möglichstes gegeben und die Lage kritisch von allen Seiten betrachtet. Es wurde gut gemacht. Das wird stets vorausgesetzt.

Das Leben sei nur eine Zahl

Zu wissen, dass die Jahre auf Tewranhje anders vergehen, ist eine Sache – zu verstehen, was das bedeutet, eine ganz andere. Ein Jahr ist eine quälend lange Zeit.

Seit drei Jahren suche ich schon, das sind eintausend und sechshundertfünfzig Tage des Fragens und Umhörens und mit-leeren-Händen-Heimkehrens…

Der Tag hat vierundzwanzig Stunden, das Jahr hat fünfhundertfünzig Tage. Wie wirkt sich das auf die Bevölkerung aus?

Ein zwölfjähriges Kind auf Tewranhje hat so viele Tage wie ein achtzehnjähriges Kind auf der Erde erlebt. Das bedeutet nicht, dass auch eine vergleichbare körperliche und emotionale Reife eingetreten ist. Der Reifeprozess vollzieht sich – in Tagen gemessen – deutlich langsamer als auf der Erde: Das Einsetzen der Pubertät, bei uns mit 13 Jahren erwartet, ist dort im elften Lebensjahr normal – das sind jedoch so viele Tage wie 16 Erdenjahre. Der Alterungsprozess vollzieht sich schleichend, und die durchschnittliche Lebenserwartung ist trotz der frühindustriellen Zustände deutlich höher als auf der modernen Erde. Als Spezies bewegt sich die tewranhjener Menschheit langsamer fort, in diesem wie in vielen anderen Punkten.

Hier eine spoilerfreie Liste von Altersverhältnissen, die einige Hergänge in Perspektive setzen. Diese Zahlen sind gerundet; wen die Sache genauer interessiert – die Formel lautet Alter x 550 / 365. Der erste Teil errechnet die bisherige Anzahl von Lebenstagen, der zweite bestimmt, in wie viele Jahre diese Tage auf der Erde unterteilt sein würden. Vereinfacht: Alter x 1,5.

  • Belabesch-Absolventen werden im Alter von zwölf Jahren in den Dienst entlassen, das entspricht achtzehn Jahren auf der Erde. Arvens Fassungslosigkeit darüber („Ich kann also Alois eintauschen oder ein Kind… kaufen.“) ist ein Spiegel der Tatsache, dass die ihm angebotenen Schüler trotz ihrer überragenden Ausbildung die emotionale Reife eines Fünfzehnjährigen nicht überschritten haben.
  • Jatka wird knapp sechs Jahre lang von seiner großen Schwester Newa aufgezogen. Das entspricht einer gemeinsamen Zeit von neun Jahren. Er sucht sie seit drei Jahren, was viereinhalb Jahren entspricht.
  • Jatka ist zu Beginn der Geschichte gerade sechzehn Jahre alt geworden (24 Jahre auf der Erde) und ist, meiner fachkundigen Einschätzung nach, etwa auf dem Stand eines Neunzehnjährigen.
  • Hjartan ist achtzehn (27 Jahre auf der Erde) und lebt seit dem Äquivalent zu neun Jahren mit seiner Wahlfamilie in der Sestra. Mit Jatka ist er seit zweieinhalb Jahren (3,75 Jahre auf der Erde) zusammen.
  • Jinu, Octopus und Arven sind 28 Jahre alt. Das entspricht 42 Jahren. Äußerlich würde man sie auf vierunddreißig schätzen.
  • Nesto, Alyce und Revca sind 26. Das entspricht 39 Jahren. Äußerlich würde man sie auf etwa dreißig schätzen. Revca wirkt ob ihres physisch zehrenden Berufs sichtbar älter.
  • Die Lebenserwartung von Graf Tito ist bei guter Gesundheit mindestens 75 Jahre. In Tagen gemessen entspricht das 113 Jahren auf der Erde.
  • Die stark verkürzte Lebenszeit der weißhaarigen Reminar liegt für gewöhnlich bei 45-50 Jahren; das entspricht 67-75 Jahren.
  • Die Reminar herrschen seit 1071 Jahren über Moran. Auf der Erde wären das 1614 Jahre.
Naturgewalten

Wie lebt es sich auf einem solchen Planeten? Welchen Impact haben Naturphänomene, wenn man ihnen über so lange Zeit gleichbleibend ausgesetzt ist? Man betrachte die folgende Liste.

FrühlingMischwetter, viel Regen, viel Wind0-25°C100 Tage
Frühsommervorwiegend Sonne, wenig Regen, wenig Wind26°-36°C75 Tage
HochsommerSonnenschein, kein Regen, kein Wind37°-47°C150 Tage
Spätsommervorwiegend Sonne, wenig Regen, wenig Wind47°-26°C75 Tage
HerbstMischwetter, viel Regen, viel Wind25°- -5°C100 Tage
Frühwinterstarker Schneefall, wenig Wind-6° – -20°C75 Tage
TiefwinterSonnenschein, kein Schnee, kein Wind-25° – -55°C150 Tage
Spätwinterleichter Schneefall, wenig Wind-20° – -5°C75 Tage
ja, wir benutzten hier celsius, weil die einheit so viel sinn macht, dass ganz tewranhje damit arbeitet. heißt da aber anders.

Dies sind übrigens die Temperaturen in der Stadt Mau. Die Prowidenz hat eines der extremsten Klimata in Moran (kalte Hriimluft, trockenheiße Wüstenluft aus Nordwest, und in der Hauptschneise des Windschlags gelegen). Die übrigen Prowidenzen nördlich der Frostgrenze haben für gewöhnlich Temperaturen zwischen -33° und 38°C, was im Vergleich ziemlich gemäßigt erscheint. Auf welche Art prägt es eine Kultur, 150 Tage bei strahlend blauem Himmel und minus fünfzig Grad zu verbringen? Welche Charaktereigenschaften geben die Poeten dem Wind, der in den extremsten Jahreszeiten einfach zum Erliegen kommt? Dazu kommen die „Monde“, die mit dem Wechsel der Jahreszeiten erscheinen und verschwinden. Vielleicht kann sich keiner von uns wirklich vorstellen, wie unerbittlich die tewranhjener Jahreszeiten sich anfühlen. Eins ist sicher: Man hat im Winter sehr viel Zeit, um Krieg und Frieden zu schreiben.

Terms & Conditions apply

Einigen Trugschlüssen möchte ich an dieser Stelle vorgreifen.
– Die extrem langen Schwangerschaften der Morakar (370-500 Tage abhängig von der vererbten Menge an Wissen) sind nicht mit ihrer langsameren Entwicklung oder der höheren Lebenserwartung verknüpft. Khjerawische Frauen, die im Schnitt genauso lange leben, tragen ihre Babies nur rund 270 Tage (neun Erdmonate) und können relativ problemlos zehn oder mehr Kinder bekommen. All diese Kinder benötigen jedoch die gleiche Entwicklungszeit wie morakische oder seweranische Kinder, und eine große Familie zeugt von Wohlstand.
– Zwölf Jahre ist das legale morakische Arbeitsalter. Dazu zählen auch Armeedienst und Prostitution. Das bedeutet nicht, dass ich die Ansicht vertrete, Jugendliche mit der Reife eines Fünfzehnjährigen sollten auf dem Strich oder im Bund zu finden sein. Auch nach morakischen Vorstellungen ist das jung und unreif, und Volljährigkeit (heiratsfähig, voll straffähig) erreichen Morakar erst mit sechzehn. Woher also kommt dieses Gesetz?
Das strikte Verbot, nicht-tätowierte Kinder zu beschäftigen, wurde von Graf Barionth im Jahr 431 zur Unterbindung der damals weitverbreiteten Kinderarbeit durchgesetzt. Die schon zur Epochenwende eingeführte gesetzliche Gleichstellung der Berufe (keine Ausnahmen für die Garda oder die reichen Fabrikbesitzer) sorgte dafür, dass solche Regulationen schnell und flächendeckend durchgesetzt werden konnten.
Bei diesem Thema zeigt sich besonders deutlich der Klassenunterschied. Während der Oberschicht die Vorstellung vollkommen fremd ist, stand Hjartan frühmorgens am Tag nach seinem zwölften Geburtstag am Fabriktor, umringt von fünfzig anderen. Diese Art der Arbeit ist kein „wollen“ oder „müssen“ für die Bewohner der Sestra, es ist einfach, was man tut. Diejenigen, die kritische Pamphlete darüber schreiben, haben noch nie einen Fuß aus dem Lian Tundra gesetzt.
Mit zwölf Jahren hat fast jeder, Stadtbürger oder nicht, die (von Graf Barionth kostenlos gemachte) Mittelschule beendet und kann lesen, schreiben, rechnen und eine Landkarte entziffern. Es ist keine perfekte Welt und in vielerlei Hinsicht auch keine gute. Aber auf Graf Barionth können wir alle mal anstoßen.