Gestern, die Augen

Jede Geschichte, die jahrzehntelang reift, unterzieht sich währenddessen teils drastischer Veränderungen. Im Nachhinein ist es einfach, zurückzusehen und milde zu lächeln. Wie einfach alles war, schwarz und weiß, gut und böse. Doch manchmal ist es viel sonderbarer, nach Jahren zurückzukehren und zu merken, wie viele der längst vergessenen und verworfenen Bausteine sich doch durchgesetzt haben, unbemerkt wie das Wurzelwerk eines großen Baums. Der Klang eines Namens, der Farbe eines Gesprächs, der Geschmack einer Sommernacht in Mau.

Ich bin mit den Narekran aufgewachsen.

Mit zwölf begann ich an Jatkas Geschichte zu schreiben – denn das war sie fundamental immer. Jatka var Eval, der seine Schwester Jinu sucht, war der Keimling und Kern von allem. Ich müsste in alten USB-Sticks graben, um sicher zu sein, doch meiner Erinnerung habe ich fünf Mal begonnen, Wer die Ratten stört zu schreiben – wenn auch unter anderen Titeln. Jedes Mal begannen wir unseren Weg an Jatkas Seite in seinem Zimmer im Lian Tundra. Er sitzt an seinem Fenster und beobachtet die Passanten vor der heruntergekommenen Villa. Sein Vater Dennok ist Alkoholiker, die Mutter verstorben, der große Bruder auf der Militärakademie. Seine Stiefmutter nichts als ein schmallippiger, blasser Schatten im Esszimmer. Es gibt kein Wissen. Dafür gibt es Kreaturen, halb hier und halb dort, die Jatka manchmal aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Manche sehen fast wie Vögel aus.
Die Geschichte beginnt so: Dennok stößt im Rausch eine Dienerin die Treppe hinab. Bei der ärmlichen Beerdigung kommen andere, halb vergessene Erinnerungen auf: An die Beerdigung der Schwester, an etwas, das nicht richtig sitzt im Geiste. Und Jatka reißt aus, um sie zu finden.

Es funktioniert nicht.

Oh, er findet sie irgendwann, und er tritt ihrer Bande bei, die in den Ruinen haust, und lässt sich von Gena malträtieren – die im übrigen eine tatsächliche Hexe ist, doch nach wie vor unsterblich und besessen von ihrem Hass auf die Reminar. Aber die Geschichte funktioniert nicht. Denn die Narekran sind damals noch jung: Jatka braucht keine drei Jahre, um Jinu zu finden, er schafft es innerhalb von Monaten. Und so verschieben sich unweigerlich alle wirklich relevanten Ereignisse in weite, weite Entfernung. Ich habe es geliebt, davon zu erzählen, wie Jatka sich bei den Narekran einfügt. Wie Octopus und Vortex ihre Einbrüche begehen und Toki rattenflink durch Fenster klettert, ein Schatten auf den Dächern von Mau. Es ist eine fantastische Geschichte von Taschendieben und Rebellen, von Liebe und Verrat und einem Hauch des Okkulten, von einem viel lebendigeren Jatka. Eine Geschichte, wie ich sie als Teenager mit Haut und Haar verschlungen hätte.
Aber ich wusste, wie es endet – das wusste ich ganz von Anfang an. Und ich wusste, was alles passieren musste, um an diesen Punkt zu kommen. Es war einfach zu viel. Der Kontakt mit den Reminar verschob sich um zwei oder drei Bände.

Es macht sehr müde, wieder und wieder von vorn zu beginnen. Immer wieder Kraft für einen neuen Anlauf zu sammeln, nur um nach dreihundert Seiten zu erkennen, dass man sich in den Fäden verhakt hat, oder dass man die ersten einhundert Seiten eigentlich neu aufsetzen müsste, oder dass es einfach nicht gut genug ist. Mit siebzehn hörte ich etwa drei Jahre lang auf, von Jatka zu erzählen, und wandte mich einer anderen Geschichte zu. Eine Schreibübung sollte es sein, nichts als eine reine Schreibübung, denn ich wusste, dass mir das Können fehlte. Bitte fragt nicht nach dieser Geschichte.
Aber danach konnte ich schreiben, wirklich schreiben, so, wie ich es mir vorgestellt hatte. So wie die Bücher, die ich selbst las. Und ich sagte mir, das wird der letzte Anlauf, ich mache das nicht noch einmal. Also setzte ich Jatka dort ab, wo die Geschichte beginnt. Einmal noch den Anfang umschreiben. Und dann –

Der Junge neben mir wird heute sterben, und das weiß er nicht.

Ist es Verrat, zuzugeben, dass mir die alte Geschichte besser gefiel? Dass es darin weniger Trauma und Hungerlöhne gab, dass die heute so übermächtige Vergangenheit nur ein Schatten war? Mit fünfzehn kann man so noch schreiben. Ich weiß nicht, ob ich wirklich diese Geschichte vermisse oder nur das Gefühl, sie zu schreiben. Aber wir sind nicht bei der Therapie hier.

Die Sache mit Kaylon

Es gibt einige wirklich spaßige Details, die ich größtenteils selbst wieder vergessen habe und gerade beim Überfliegen der beiden alten Textdokumente, die noch auf meinem Laptop verstauben, wiederentdecke. Tatsächlich habe ich keins der wirklich alten Jatka-Dokumente zur Hand, was ich unter anderem daran erkenne, dass er in beiden Versionen Kaylon heißt.

Vielleicht muss ich das erklären. Wir lebten zu der Zeit im Eibenweg, einem Einfamilienhaus mit sonderbar geschnittenem Gartenstück und einem minimalistisch eingerichteten Wohnzimmer. Der Hund war noch nicht vollends dement, und ich schätzungsweise fünfzehn. Ich hatte begonnen, meinen Eltern mein Schreibwerk zu zeigen (deren Fazit: viel zu ausführliche Beschreibungen von düsteren Sachen, aber gute Ansätze). In selbigem Wohnzimmer unterhielten wir uns gerade darüber, da sagte meine Mutter: „[…] aber den Namen finde ich komisch. Was ist Jatka überhaupt für ein Name?“
„Ich find den gut“, sagte ich.
Jatka. Klingt doch schwach. Der Name geht doch nicht. Ist das ein Männername?“
Long story short, ich wurde (mit erstaunlich viel Meinungskraft dahinter, was da los, Mutter?) davon überzeugt, dass „Jatka“ kein Protagonistenname sei. Damals wurde er noch Yatka ausgesprochen, was ich nach wie vor für einen sehr formidablen Namen halte. Ich war nicht glücklich mit dem Verdikt, aber man muss erst durch Erfahrung lernen, welche Lesermeinungen man annehmen und ignorieren sollte. Kurz erwog ich, besagten Jungen Kayn zu taufen, letztlich wurde er zu Kaylon.

Überhaupt haben sich einige Namen selbstredend verändert, auch wenn ich fast interessanter finde, welche sich seit zwölf Jahren stur halten.

Jatka von Eval – Kaylon von Eval – Jatka var Eval
Jinu (Jinelsa von Karath) – Jinu/Djin/Newa (Jenewra var Karath)
Gena (Genavra von Karath) – Gena (die guineverische Namenswurzel wanderte zu Jinu, das Verwandtschaftsverhältnis löste sich auf)
Octopus, Toki, Blance, Revca, Sedsaw und Maven blieben von Anfang an unverändert. Toki verlor einen Nachnamen und wird einen anderen gewinnen. Der Sichler ist ebenfalls ein alter Spitzname.
Auch Vortex ist seiner selbst schon immer treu und seit der ersten Version dabei. In der handschriftlichen Version spukte allerdings eine (weiße) Frau mit Stiernacken herum, die Vorta hieß.
Domian ist neu dabei. Dem Dokument zufolge hatte Blance einst einen Arbeitskollegen namens Doman, an den ich keinerlei Erinnerungen besitze.
Hjartan ist seit der vorletzten Version und mit diesem Namen dabei, hatte aber weiß Gott keine zentrale Rolle.
Nesto, Gladis, Alyce und Edna haben keine Änderungen erfahren. Maire hieß früher Marie.
Arven von Remin – Diavor von Remin – Arven Sekolow var Remin (man entsinne sich der Prowidenz Dijawora).
Meine größte Schande: Tito.

Der gute Tito nämlich trägt diesen Namen erst seit dieser Version. Wie hieß er früher? Ja-ha, wie hieß er früher. Varon. Das war sein Vorname. Graf Varon von Remin. ES TUT WEH, das zu lesen!

„Heute ist kein Ausrufer-Tag“, stellte Ebina fest und musterte den Eindringling kühl.

„Ganz recht… hohe Herrin“, stieß der Mann hervor und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Mich schickt seine Gnaden Graf Varon Akayne von Remin… der Sichler hat erneut zugeschlagen. Letzte Nacht.“

die schmerzen sind einfach unerträglich.

Die Namen sind natürlich nicht alles. Ich begann das Schreiben im Glauben, ich sei ein nettes, straightes Mädchen. Zwölf Jahre später sitze ich an diesem Artikel als stockschwuler Mann. Ich muss gar keine Auflistung daraus machen, denn das Ergebnis ist immer gleich: Am Anfang waren alle heterosexuell. Sogar Nesto. Jatka und Hjartan, so er dann erschien, waren „beste Freunde“. Auch wenn ich eine sehr interessante Stelle wiederentdeckt habe, in der Arven seinen kleinen Bruder in die Mangel nimmt. Wie war das mit der Farbe eines Gesprächs? Hallo, Gladis.

„Alyce ist meine Cousine, du Pfosten. Der werd ich nicht den Hof machen.“ Nesto trat ebenfalls ans Fenster. Man hatte einen schönen Blick über die Dächer vom Mau bis hin zur Stadtmauer. In der Ferne glänzte eine Flussbiegung wie ein gestrandeter Fisch im Sonnenlicht. Nesto wünschte, er wäre woanders, ganz gleich, wo.
„Cousine aus einem anderen Zweig […]. Da spricht nichts gegen.“ Arvens helle Augen schimmerten. Sie waren weit geöffnet und übten fast hypnotische Kraft aus, während er sprach. „Alyce ist noch nicht verlobt, sie kommt aus gutem Haus, reich ist sie auch, und hübsch noch obendrein. Worauf wartest du?“ […] Arven beugte sich vor. Seine Lippen waren schmal und scharf, wie mit dem Messer über seine blasse Haut gezogen. „Du bist vierundzwanzig […]. Die Leute erwarten, dass du dich verlobst.“
„Du bist achtundzwanzig“, entgegnete Nesto. „Du hast auch noch keine Frau.“
„Aber ich lade Lord Brutus‘ Töchter zum Ball. […] Ich mache Pläne, du nicht. Du willst doch nicht, dass gewisse Gerüchte aufkommen, was dich angeht…?“
Nesto sank langsam in sich zusammen. Die grelle Sonne stach ihm in die Augen. „Nein“, sagte er.

Eine andere Stelle nennt ihm Prinz Nesto, der jüngere Sohn des Grafen, der selten Aufsehen erregt, und ich führe Nesto mit diesem Zitat offiziell in die Top 3 der drastischsten Charakterentwicklungen ein. Es sei bemerkt, dass ich die Söhne des Grafen in willentlicher Missachtung europäischer Adelsgeschichte schon immer Prinzen genannt habe. Auch wenn damals noch alle Lords und Ladies waren.

Sukra, Belladonna, Branntwein

Ich glaube, ich werde an anderer Stelle noch viel über Charakterentwicklung schreiben. Darüber, dass Jinu und Octopus ohne Belabesch nichts als obsessive Liebhaber waren, der eine drogensüchtig, die andere dem Wein verschrieben, unfähig, ohne einander zu funktionieren, noch viel unfähiger, es miteinander zu tun. Darüber, wie viel einfacher es ist, den Menschen banale Gründe zu geben: Grundlos böse Charaktere sind viel schwieriger zu schreiben als weltfremde Bürokraten, mutually abusive relationships schwerer als solche, in denen einfach zwei zutiefst kaputte Individuen kollidieren. Man muss erst lernen, dass die Welt nur in Grautönen existiert, doch sobald dieser Schalter im Hirn umgelegt ist, versteht man so viel mehr. Alles hat Wurzeln, ob diese rational sind oder nicht. Und die Intensität, die leuchtende Primärfarbe von bedrohlich und naiv und zynisch, geht nicht verloren. Wie ein hastig aufgetragenes Aquarell laufen die Farben über die Bleistiftränder hinaus, vermischen sich und blühen sekundenlang in fetten Wassertropfen wie Eiskristalle. Dennok und Tito teilen nun zwischen sich den Jähzorn auf, der früher allein Jatkas Vater gehörte – Dennok behält mehr von der Schwermut, Tito nimmt die Übergriffigkeit auf seine Seite der Geschichte. Gladis trägt Arvens Schärfe. Toki und Jatka treten gemeinsam einen Schritt nach links, kleiden sich in eine düstere Vergangenheit und unsichere Zukunft, ohne dabei den schon immer geteilten Funken klarer, unschuldiger Lebensfreude zu verlieren. Revca und Nesto… die Farben sind dieselben wie eh und je, nur neu gemischt. Ich schreibe seit einem Dutzend Jahren diese Geschichte, und es ist noch dieselbe Geschichte, das würde ich beschwören. Ich wusste immer, wie es endet. Wer will schon das Ende wissen?

„Fangen wir an, wir haben nicht viel Zeit.“ Octopus seufzte und setzte sich auf den freien Platz am Kopfende des Tisches. Warum hatte eigentlich ein geisteskranker Serienmörder, der sich selbst als Tintenfisch bezeichnete, ein so hohes Amt inne? Und was sagte das über die [Narekran] im Allgemeinen?

eine hervorragende frage. damals hatte jatka noch ideale.

Die Aufstellung des Rates der Narekran war von Anfang an sehr geschlechtsneutral durchmischt, auch wenn Muurna vor Gladis‘ und Alyces rapidem Aufstieg sehr männerdominiert war. Es hat ein wenig gedauert, mich von Korsetts und Gesellschafterinnen freizumachen, aber so war das Anfang 2010 in der Fantasyliteratur eben. Auch Jatkas Freunde und Bekannte waren stets angenehm durchmischt (ich glaube, Gena kann ich heute nicht mehr guten Gewissens als Frau zählen). Was sich hingegen stark verschoben, sind persönliche Motivationen. Mein Gott, früher war wirklich jeder ineinander verliebt, und das meist zu Ungunsten der Frau. Revca, die sich nach einer kurzen Affäre einseitig in Arven (!) verliebt, ist eins der wohl herausragendsten Beispiele (diese Kombination wird mit jedem weiteren Band abstruser werden, das kann ich versprechen: Komm in fünf Jahren wieder und lies diesen Satz noch einmal). Die beiden sind auf der Skala sehr, SEHR dicht gefolgt von Jinu und Nesto, zwischen denen irgendetwas ganz Komisches läuft. Dann natürlich noch Jatka und Toki (die einzige halbwegs natürliche Kombination in dieser ahnsverfluchten Liste – er findet sie noch heute attraktiv). Das kann natürlich erst nach Mavens Tod passieren, denn Toki war vorher mit Maven zusammen. Jinu und Octopus ersaufen in Kontrollzwang und Eifersucht. Ich kann mich nicht entsinnen, ob Arven neben seinem Seitensprung mit Revca je Gefühle für irgendeine Frau entwickelt – vermutlich nicht, der Antagonist kriegt ja keine Liebe ab. Auf subtile Art haben sich die Orientierungen – oder vielmehr ihr Effekt – rückblickend schon durchgesetzt. Arven zweifelt lautstark daran, dass Nesto sich eine Frau suchen will, und zeigt selbst keinerlei Interesse. Revca ist chronisch ledig. Jinu ist mit Octopus (größtenteils) zufrieden, Jatka findet Toki hübsch und formt mit Hjartan sofort ein unausgesprochenes, beidseitiges Bündnis.

Im nächsten Moment ging die Tür ruckartig auf, und Hjartan machte einen Satz nach vorn, einen halben Ziegelstein in der Faust.

„Erschlag mich ruhig“, sagte Gena sarkastisch und schloss die Tür.

10/10, der junge.

Die beiden gehen übrigens gemeinsam zu den Narekran, nachdem Hjartan mitten in der Nacht mit einer Laterne in der Hand an Jatkas Haustür klopft und etwas im Sinne von willst du diese Lebensentscheidung ebenfalls treffen fragt. Es gibt keine heterosexuelle Erklärung für diese Szene.

Mein liebstes Detail, und eines, mit dem ich diese kleine Erzählung vorläufig abschließen möchte: Jatkas trockener Narekran-Freund, Rotbarsch (Wirgendal), hinkt seit jeher über meine Seiten.

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